Während die Konferenz in Berlin tagt, erklingen zu ihrer Begleitung in der Bundesrepublik seltsame Gesänge. Da las am Donnerstag vergangener Woche im „Echo des Tages“ des NWDR-Senders Köln Theodor Plievier ein Kapitel aus seinem neuen Roman „Berlin“ –: Zwei betrunkene Nazis, ein Oberst und ein Beamter des Propagandaministeriums, wurden dargestellt, wie sie sich Anfang Mai des Jahres 1945 während eines Fliegerangriffs über die Lage unterhalten – kurz vor der „Befreiung“ Berlins durch die Sowjets! War es Taktlosigkeit, war es Gedankenlosigkeit oder was hat Veranlassung zu dieser Vorlesung gegeben?

Eine knappe Woche zuvor hatte der NWDR-Sender Hamburg – wie wir bereits schrieben – dem Parteichef der SPD, Ollenhauer, Gelegenheit gegeben, den westlichen Alliierten und dem Bundeskabinett, ausgerechnet in diesem Moment, in den Rücken zu fallen und den Sowjets das verlockende Angebot zu machen, sie könnten ihren Kompromiß mit dem Westen sehr viel billiger haben, wenn sie auf das Programm der SPD eingingen. Gab es in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik flammende Proteste? – Nein!

Herr v. Cube, sattsam bekannt durch seine herzlosen Äußerungen über die Flüchtlinge aus der Sowjetzone und durch die Sendung „Die Saar – la Sarre“, erklärte im Bayerischen Rundfunk, dessen Politik er dank seiner Bestallung durch die Amerikaner leiten darf, es sei gut, auf die Wiedervereinigung des getrennten Deutschlands zu verzichten. Protestierte der Bayerische Rundfunkrat? – Nein!

Ja, gibt es denn in Deutschland keine öffentliche Meinung, auf die diese Herren, die sie doch zu beeinflussen versuchen, ihrerseits Rücksicht nehmen müssen?

Da hat ein Herr Norden, Propagandachef der Pankower Regierung, Kübel von Schmutz über die Führer der Bonner Delegation in Berlin, Blankenborn und Grewe, ausgegossen. Als größtes Verbrechen hat er es dabei dem Botschafter Blankenborn angerechnet, daß er 1943 Legationsrat geworden ist. Dem Staatssekretär Globke warf er vor, daß er zu Hitlers Zeiten Beamter im Innenministerium gewesen sei. Ist irgend jemand in der Bundesrepublik aufgestanden, um zu erklären, daß uns allerdings Mitglieder der Reichsministerien, die auf menschlich höchst saubere Weise während des Krieges ihre Pflicht getan haben, lieber sind, als die Nordens, die in Moskau saßen und mit Ilja Ehrenburg zusammen den Aufruf verfaßten, man solle die deutschen Männer erschießen und die deutschen Frauen vergewaltigen? – Nein!

Hat jene Frankfurter „Tageszeitung“, auf die sich Herr Norden beruft, mitgeteilt, daß das Material für diese Schmutzereien zwar bei ihr mit Hilfe von Robert Kempner. gesammelt worden ist, daß aber der Redakteur, der es der kommunistischen Propagandastelle in Pankow übergeben hat, seit einiger Zeit nicht mehr bei ihr angestellt ist? – Nein!

Doch ist diese allgemeine politische Indolenz nicht auf die deutsche Außenpolitik beschränkt. Was an politischen Skandalen in der Bundesrepublik aufplatzt, pflegt zu verrinnen und zu versickern. Besteht man in der Öffentlichkeit darauf, daß die Verantwortlichen für diese höchst unerfreulichen Praktiken wenigstens festgestellt, wenn schon nicht bestraft werden? – Nein!