Wir hörten:

Wie selten gelingt es doch dem Funk, mit seinen eigenen Mitteln – also nicht nur durch Kommentare, Vorträge und sonstige Meinungsäußerungen, die man ebensogut auch in der Zeitung lesen könnte – die Öffentlichkeit aufzurufen, daß sie sich ein Urteil bildet! Die sogenannten „Wortsendungen“ sollen ja nicht von den Textworten leben, sondern von der menschlichen Stimme, die diese Worte spricht. Ist aber diese Stimme eine farblose, neutrale Sprecherstimme, sozusagen ein tönender Roboter wie die Zeitansage im Telefon, dann ist die Wortsendung totgeboren. Aus solchen Totgeburten besteht immer noch ein sehr großer, ein allzu großer Teil unserer Funkprogramme. Dieser Nachteil kann auch durch noch so schöne Konzerte und Hörspiele nicht aufgewogen werden; denn hier ist nun wieder die Kunst dasjenige, was den Hörer von den nahen Aufgaben des Lebens abzieht. Wie nun aber ein drängendes soziales Problem, sagen wir zum Beispiel das Problem der Verkehrsunfälle, im Funk lebendig machen? Statistiken, Analysen, Besserungsvorschläge – all das wirkt – vorgelesen – so, daß es „zum anderen Ohr wieder hinaus“ geht. Die „funkische“ Lösung ist ein Kolumbus – Ei: Man überlistet den Hörer durch jene Mittel, die ihm vom Hörspiel her vertraut sind (schnell wechselnde Szenen, Dialoge, Musik, Chor) und versetzt ihn in jene irreale Welt, die allein der Funk schaffen kann: die Welt, in der die Zeiten sich begegnen und die Räume ineinanderfließen. So machte es die „Bundesstraßen-Ballade“ von Alfred Prügel, die Kurt Reiß im Hamburger NWDR beklemmend inszeniert hatte. „Weißes Dreieck, roter Rand“ war der Titel: das Warnzeichen für Kraftfahrer. Und eine Warnung war die ganze „Ballade“ – eine Warnung an den Staat, sich, ehe es zu spät ist, um das Mißverhältnis von rapide fortschreitender, Motorisierung und rapide abnehmender Straßensicherheit zu kümmern. Der „Mann im Fuhrmannskittel“, der das Sterben der alten Landstraßen beklagt, der Manager, der „das Motorrad für jede deutsche Familie“ proklamiert, ohne zu fragen, wo diese Motorräder fahren sollen, „Herr Icks“, der temperamentvolle Mann im Pkw., der den Spießrutenlauf zwischen schlechten Wegstrecken und Strafbefehlen Tag für Tag bestehen muß, der nette Beamte, der in Vorschriften erstickt – diese Figuren Prügels setzen die treffenden Akzente für die bittere Komödie eines Verkehrswesens, das täglich 29 Tote als Opfer fordert und von Tag zu Tag mehr ein Unwesen wird. „Den Verkehrssünder bestraft die Polizei – aber ist nicht der Staat der schlimmste Verkehrssünder, weil er nicht für Straßensicherheit sorgt?“ – solche Fragen darf und soll die funkische Kunst heute einmal aufwerfen. Dazu ist sie erfunden, nicht zum Jonglieren mit abgeschliffenen Konödienmotiven.

Wir werden sehen:

Da die Abendstunden, von der aktuellen Berichterstattung abgesehen, auf der Linie des geringsten künstlerischen Widerstandes fast ganz dem Karneval verschrieben sind (nur die Wiederholung von Hans Schallas „Stella“-Inszenierung am Donnerstag, 4. Februar, um 21.05, macht eine Ausnahme), bleibt nur der einzige immer vortreffliche Teil des Fernsehprogramms: die tägliche Kinderstube um 16.30, wo Dr. Ilse Obrig für reizvolle Oberraschungen zu sorgen weiß.

Wir werden hören:

Donnerstag, 4. Februar, 16.45 aus Stuttgart:

Daß Worte wie „Frieden“ und „Freiheit“ im Westen und im Osten einen ganz verschiedenen Sinn haben, ist nur eins von den Anzeichen, wie sehr die Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Epoche der Sprachverwirrung lebt. Die immer hellhörige und aufmerksam fragende Rundfunkarbeitsgemeinschaft der Heidelberger Studenten versucht, den Gründen auf die „Babyionisierung unserer Sprache“ auf die Spur zu kommen.