Eine Stadt verliert ihr Gesicht

f. r. s., Potsdam

Potsdam... ist nicht mehr Sanssouci, das Neue Palais, die historische, Mühle und ein Schuß Voltaire. Aber Potsdam ist auch nicht mehr: die in ihre Uniformen hineingeborenen Leutnants, Majore, Obristen, die Generale, Garde du corps... das alles war Potsdam!

1954: Ein öd-traurig anmutender Ort! Transparent- und paroleüberladen. In der ‚40-Watt-Bewegung“ stromsparend! Frierend! Auf Winterkartoffeln wartend! Und wären nicht diese ehrfurchtheischenden Ruinen, die mühsam instand gehaltenen Parks: Man fühlte sich – mehr noch als in Dresden, Weimar, Rostock – in einer russischen Etappe! Überall, wohin der Blick fällt, sowjetische Uniformen! Freilich, nur noch ein Teil der 48 000 Rotarmisten und 22 000 Zivilrussen, die 1946 das Bild der Stadt so gründlich umfärbten, ist noch hier. Aber immer noch ist das einst exklusive Jägerviertel, sind Straßenzüge am Luftschiffhafen besetzt, gibt es im Norden die russische Alexandrowna Kolonie! Und immer noch tragen die meisten Autos in den Straßen sowjetische Kennzeichen. In den dicht an dicht liegenden HO- und Konsumläden der Ebert- oder Brandenburger Straße streiten sich Sowjetmajore, Sergeanten, Rekruten in allen Abstufungen von deutsch-russischem Sprachwirrwarr mit den Verkäuferinnen. Um Oberhemden (42 Ostmark), Schweinslederschuhe (120 Ost), Tor allem aber um Koffer. Koffer? Richtig! Von Wildpark aus, der einstigen Bahnstation von SM, geht’s heute zurück nach Rußland.

Auf den Straßenschildern sind neben den lateinischen Bezeichnungen die in kyrillischen Lettern. Aber: Auch die deutschen Bezeichnungen klingen sowjetisch! „Stalinallee“ ruft die FdJ-blau bebluste Schaffnerin in der Straßenbahn – „Neue König-Straße“ denken die Potsdamer. Und „Wilhelm-Platz“ statt „Platz der Einheit“, „Schloß“ statt „Ernst-Thälmann-Stadion“! Richtig – das Schloß! Nach langem Hin und Her soll es nun doch ausgebaut und aufgebaut werden. „Zum Kulturpalast für unsere FdJ“ – meint die „Märkische Volksstimme“, das SED-Blatt für den Bezirk Potsdam. Aber noch ist alles still. Keine vorsorglichen Abdichtungen gegen Regen und Schnee – statt dessen geborstene Säulen! Dafür oben an der Langen Brücke ein neuerrichtetes Aufklärungslokal der Nationalen Front. Transparent: „Auch die Potsdamer fordern gesamtdeutsche Delegation für Viererkonferenz!“

Erinnerungen und Pakete

Die Potsdamer... Wie haben sie diese Jahre überlebt? Empirische Soziologie in Randbeirachtungen: Eine Straße im Jägerviertel. Türschilder: „Georg von Z...“ – „Wolf von W...“ (Und hinter diesen hier gewählten Abkürzungen liegt historisches Gewicht!). Vor den Häusern aber Sowjet-Lkws. Russische Offiziere gehen ein und aus. Kollaboration? Privat aktivierte deutsch-sowjetische Freundschaft? Nein, in Wirklichkeit: Herr von W... ist Portier bei Natschalnik Pjerecitsdiew; Herr von Z... freilich schreitet noch über seine eigenen Täbris-Brücken, aber nur, um Major Gretkow den grusinischen Tschai zu servieren. Kreislauf der Eliten? Dabei sind Herr von Z... und Herr von W... noch gut dran. Sie leben wenigstens auch ökonomisch! Andere Vertreter des Adels – so sie diese Zeitläufte überhaupt überdauert! – müssen von 55,– bis 35,– Ostmark existieren. Da bleiben nur noch die Erinnerungen, ab und an ein Paket aus dem Westen, in den sie nicht flüchten werden, solange noch die mit HO-Keksen mühsam gefüllten Schalen der Preußischen Porzellan-Manufaktur auf den friderizianischen Tischchen stehen. Aber die schon vergilbte Seidentapete zeigt auffallende helle Stellen, und so manche Porzellanfigur hat für ein paar Kartoffeln, ein Pfund Butter seinen Besitzer wechseln müssen. Nicht, daß sie an die Russen verkauft hätten, die in ihren Sojusintorg- und Rasnoexportläden um die Gunst der Potsdamer warben. Sie gingen zu den alten Potsdamer Antiquitätenhändlern, die ihnen dafür die Gewähr gaben, daß die wertvollen Stücke in würdige Hände gelangten. Der SSD jedoch hat jetzt die meisten von ihnen verhaftet: Wie den Juwelier Gadebusch, dessen Geschäft in der Lindenstraße ein Stück Potsdam selbst war. Nur wenige Schritte von hier aber erhebt sich im Haus Nr. 10 das SSD-Gefängnis, wo der einstige Kammerdiener Willi Rose, genannt Jimmy, seine Opfer zu Geständnissen preßt. So hat er kürzlich den greisen Juwelier ins Verhör genommen. Der aber hatte nichts zu gestehen. – Acht Tage später wurde den Angehörigen die Leiche übergeben. Vermögen und Eigentum aber wurden eingezogen!