Wunderkinder gibt es nicht nur in der Musik, Auch im Sport finden wir sie. Seit die japanischen Schulbuben bei den Olympischen Spielen 1932 zu Los Angeles auftraten, mußte man immer wieder mit Kindern auch, bei diesen großen sportlichen Weltspielen wie bei den internationalen Meisterschaften der einzelnen Kontinente rechnen, während sie früher nur vereinzelt in Erscheinung traten. Der erste internationale jugendliche Meister war 1924 in Paris der kaum sechzehnjährige Charlton, der im 1500-m-Schwimmen die alte Schwimmerelite der Welt sicher und überzeugend hinter sich ließ. 1948 brachten die Chilenen sogar einen Dreizehnjährigen mit, der zunächst beim Einmarsch der Nationen stolz die Flagge seines Landes vor dem König von England vorbeitrug und dann in den Sprungwettbewerben der Schwimmer erschien. Neben diesem chilenischen Kinde sah man in London noch drei Jugendliche am Start, unter denen der knapp siebzehnjährige kalifornische Schüler, Bob Mathias, die Krone aller olympischen Übungen, den Zehnkampf, gewann. Und auch bei den letzten Olympischen Spielen waren wieder Kinder dabei.

Wunderkinder erregen natürlich immer ein besonderes Interesse. Das begeisterte Publikum ist allzu schnell bereit, das sehr schwierige und ernste Problem zu vergessen, das dieses Erscheinen von Kindern und Jugendlichen bei sportlichen Wettkämpfen mit sich bringt. Schon seit längerer Zeit sind bei den verantwortungsbewußten Sportführern in aller Welt erhebliche Bedenken aufgetreten, ob das alles noch gutzuheißen sei und ob es nicht angebracht sein dürfte, mindestens für die schwersten Kämpfe, wie Olympische Spiele und internationale Meisterschaften, eine Altersgrenze vorzuschreiben, die nicht zu weit unten liegen sollte und für die es generell keine Ausnahme geben dürfte. Manche Verbände haben diese Altersgrenze bereits in ihren Satzungen, aber es gibt doch noch viele Hintertürchen.

Es kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß dieses Öffentliche Hervortreten auf die Entwicklung der Charaktere nicht immer einen günstigen Einfluß hat und daß es schädlich ist, wenn allzu junge Menschen schon in so große Belastungsproben geschickt und dann laut gefeiert werden. Die Preis- und Rekordjägerei und die vielen Eitelkeiten im Wettkampfsport üben eine so schädliche Wirkung auf junge Menschen und vornehmlich natürlich auf Kinder aus, daß hier der gesunde Gedanke des Sports einfach ins Gegenteil verkehrt wird.

Wenn diese Erwägungen den Vorsitzenden der Kunstlaufkommission des Deutschen Eislauf-Verbandes, veranlaßt haben, in letzter Minute das Paar Kilius–Ningel von der Liste der Teilnehmer an den Europa-Kunstlaufmeisterschaften in Bozen am vergangenen Wochenende zu streichen, so verdient er Anerkennung. Wenn es aber zutreffen sollte, daß er die zehnjährige Marika und den fünfzehnjährigen Franz nur deshalb nicht mit auf die Reise nahm (Italien hatte als Gastland der Meisterschaften Anstoß an der Entsendung von vier deutschen Paaren genommen, da alle anderen Nationen nur mit deren drei antraten), weil er unbedingt seine bayerischen Landsleute am Start sehen wollte, dann muß man diesen Entschluß aufs schärfste mißbilligen. Denn diese beiden Kinder haben schließlich die Deutsche Meisterschaft in Berlin nur mit einem halben Punkt verloren, und die gerade in diesen Dingen höchst kritischen Berliner hatten ihnen besonders zugejubelt und das Urteil des Preisgerichts zugunsten von Minor–Braun mit lauten Mißfallenskundgebungen quittiert. Wenn außer dem deutschen Meisterschaftspaar noch ein Paar ein Anrecht auf die Teilnahme an den Europakämpfen hatte, dann nur Marika und Franz (denen man ja schon eine feste Zusage gegeben hatte), und auf keinen Fall die viel schwächeren bayerischen Paare, die nun statt der Kinder mitgenommen wurden. Resultat: Deutschland konnte nur den fünften Platz belegen. Sieger wurde das Schweizer Paar Silvia und Michel Grandjean. Im Einzellauf wurde mit Gundi Busch zum erstenmal seit fünfzig Jahren eine Deutsche Europameisterin.

Wenn man wirklich etwas gegen das Kindesalter des Paares hatte, dann hätte man es auch nicht zu den Deutschen Meisterschaften zulassen dürfen. Da sie aber dort gestartet waren und so hervorragend abschnitten und die nach ihnen Placierten mit großem Vorsprung schlugen, durfte man sie nicht in letzter Minute von den Europameisterschaften fernhalten.