I. Ein Inder sieht das Land des roten Herrschers Mao Von Brajkishore Schastri

Sowjetrußlands Außenminister Molotow hat auf der Viererkonferenz in Berlin die Forderung erhoben, es sollte das kommunistische China als fünfter Partner an weltpolitischen Spiel der Großmächte beteiligt werden. In diesem Augenblick verdient der Bericht des Inders Brajkishore Schastri Beachtung, der unlängst als Mitglied einer sozialistischen Gewerkschaftsdelegation seines Landes eingeladen wurde, das neue China zu bereisen. Er hielt sich drei Monate lang im roten Lande der „Mitte“ auf.

Unser Reiseomnibus fuhr langsam in Richtung der Großen Mauer. Wir werden also eines der Weltwunder sehen. Die Fenster unseres Fahrzeuges sind geschlossen. Draußen tobt ein schwerer Staubsturm. So weit unsere Blicke reichen, scheint die Welt von Sand erfüllt zu sein. In der Ferne verschwimmen Berggipfel.

Wir sind eine gemischte Gesellschaft; Russen und Inder sitzen Schulter an Schulter. Neben mir hat Fräulein Li, die Dolmetscherin, Platz genommen.

Unsere indische Delegation hat einige kommunistische Mitglieder, die nicht müde werden, alles Chinesische anzubeten. Als wir eine Frau sahen, die vor einen Pflug gespannt war, galt der Anblick als ein Beweis der unerschöpflichen Begeisterung des neuen Chinas für schöpferische Arbeit. Ich dachte, eine Weile darüber nach: Ja, gewiß, wenn unsere Regierung derartige Methoden anwenden würde, könnte sie sich vielleicht bald von ihrer Abhängigkeit von ausländischem Kapital befreien. Aber der Anblick dieser chinesischen Frau vor dem Pflug ließ mich erschrecken. Ich war entsetzt. Schließlich ist ein menschliches Geschöpf kein Lasttier, das man für den Aufbau eines Landes wie ein Stück Vieh verwenden darf.

Die Dolmetscherin bemerkte meine Versonnenheit und fragte: „Was betrübt Sie so?“ Um nicht unhöflich zu erscheinen, mußte ich eine Antwort finden. „Ich habe über die Große Mauer nachgedacht“, sagte ich.

Fräulein Li wandte sich zu mir und fragte mich, ob die Mauer mir irgend etwas bedeute. Absichtlich schützte ich Unwissenheit vor, um ihre Version der Geschichte der Großen Chinesischen Mauer zu hören. Sie sagte: „Die Mauer ist etwa zweitausend Meilen lang. Sie wurde von einem chinesischen Kaiser in uralten Zeiten errichtet. Der Kaiser war sehr grausam und zwang seine Untertanen, diese Mauer zu bauen. Hunderttausende Männer und Frauen verloren das Leben am Bau dieser Mauer zum Ruhme ihres Kaisers. Aber er war der erste Kaiser, der China Einheit der Sprache und Verwaltung gab.“