Die Hiobsmeldungen, die schon vor Wochen von notwendig werdenden Kaffeeverteuerungen sprachen, sind jetzt bestätigt worden: nachdem bereits in der Vorwoche die Endverbraucherpreise für Röstkaffee in den meisten Städten des Bundesgebietes um etwa 80 Pf bis 1 DM je Pfund angezogen haben, sind und werden nun auch in den ersten Februartagen die Kaffeestädte Hamburg und Bremen mit Umgebung folgen. Über die Hintergründe dieser Hausse ist die Hausfrau, wenigstens seitdem diese Frage akut wurde, in großen Zügen unterrichtet worden. Wer auch als nicht direkt am Handel und Wandel beteiligter Normalverbraucher sich die Mühe macht, hin und wieder einen Blick in die Berichte über die Bewegungen auf den Weltwarenmärkten zu tun, wußte seit längerem, daß Unliebsames im Anzug war...

Schon im Juli und August vergangenen Jahres zeigten die Rohkaffeemärkte eine bedrohliche Tendenz nach eben. Sie hielt sich zwar in Grenzen, war aber immerhin stark genug, um die damals lebhaft diskutierte und dann auch Ende August mit Erfolg abgeschlossene Kampagne für eine energische Verbrauchsbelebung durch massive Steuersenkungen und Preisherabsetzungen zu stören und mit manchem Fragezeichen für die Zukunft zu versehen. Dann aber brachte ein im November neu und erheblich stärker einsetzender Stoß die Kalkulationen der Importeure und Röster durcheinander. Der Einstandspreis für eine mittlere Sorte Rohkaffee (Santos), die den deutschen Importeur im November noch etwa 70 $ (50 kg) kostete, liegt heute bei 100 bis 110 S. Das ist in roher Umrechnung eine Verteuerung von 1,30 bis 1,60 DM je Pfund Rohkaffee, der eine Erhöhung der Endverbraucherpreise für Röstkaffee in Westdeutschland von 0,80 bis 1 DM doch immerhin einigermaßen versöhnlich gegenübersteht (andere Santos-Sorten haben allerdings nur um 30 v. H. angezogen). Möglich wird dieses wenigstens partielle Auffangen der von den Weltmärkten her über uns herfallenden Preishausse dadurch, daß sich Handel und Röster noch auf Reserven stützen können, die es im Augenblick ermöglichen, mit „Mischkalkulationen (aus Alt- und Wiederbeschaffungspreisen) zu arbeiten. Sind die Vorräte erschöpft, wird man zu neuen Überlegungen gezwungen werden.

Das sind die nächst greifbaren Tatsachen, die uns das „Kaffeestündchen“ verleiden. Dahinter steht jene Reihe anderer Fakten und Manipulationen, die interessant genug sind, von dem deutschen Kaffeetrinker zur Kenntnis genommen zu werden. Mit einigem Zorn erinnert er sich noch an die zwanziger Jahre, als die Brasilianer ihren Kaffee in Mengen in das Meer schütteten. Das tun sie heute nun nicht. Aber die Zeiten, als man drüben von den Kaffeetrinkern (oder besser Nichttrinkern) der Welt auf den Ernten sitzen gelassen wurde, sind von den Brasilianern auch nicht vergessen. Schon damals begann man die Anbauflächen zu reduzieren und andere nützliche Dinge, für die sich rührigere Liebhaber fanden, zu pflanzen. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges stellte die Kaffeeländer vor erneute Absatzprobleme, denen auch in den ersten Nachkriegsjahren nur durch erhebliche Bevorratungsmaßnahmen beizukommen war. Dann kam die Wende. Einem als Folge eines steigenden Lebensstandards in der Welt rapide in die Höhe schnellenden Konsum (besonders in den USA), der die Reserven aus früheren Jahren von Jahr zu Jahr immer stärker abbaute, steht heute die gedrosselte Produktion gegenüber. Die Folgen dieser von langer Hand geführten Kaffee-Strategie wurden noch durch erhebliche Frostschäden in der Mitte des vergangenen Jahres in den Hauptanbaugebieten Brasiliens forciert, die die jetzt heranreifende Ernte ein gut Stück hinter den ursprünglichen Schätzungen zurücklassen werden (aus Brasilien, dem mit Abstand größten Kaffeerzeuger der Welt, beziehen wir etwa, auch aus außenhandelspolitischen Gründen, die Hälfte unseres Kaffeebedarfs). Eine ausgesprochene Kaffeeknappheit steht nicht zu befürchten. Aber auch die deutsche Hausfrau muß sich damit abfinden, daß im Augenblick wenigstens die Nachfrage etwas größer als das Angebot ist und diese Diskrepanz ihren Ausgleich in anziehenden Preisen findet –, womit allerdings nicht gesagt werden soll, daß die Hausfrau diesem für sie betrüblichen Geschehen tatenlos zusehen muß.

  • Was ist zu tun? In den USA hat Präsident Eisenhower es nicht enter seiner Würde gehalten, sich der Not der Kaffeetrinker anzunehmen und angekündigt, daß die Nationale Handelskommission die Ursachen für das rabiate Hochschnellen der Kaffeepreise untersuchen wird. Diese Ankündigung allein ließ die Preise an der New Yorker Kaffeebörse von einem Tag auf den anderen in verdächtigem Tempo purzeln – ein Zeichen dafür, daß sich auch die Spekulation der kleinen Kaffeebohne nicht nur bemächtigt hat, sondern daß sie auch auf recht schwachen Füßen steht. Aber mit Untersuchungen und Nachrechnungen am grünen Tisch wird diesem Problem auf längere Sicht nicht beizukommen sein, es sei denn, daß dahinter der feste Wille steht, im Ernstfall zu reglementieren und zu rationieren, was wohl weder die amerikanische noch die deutsche Hausfrau will. Dem trotz aller Manipulationen letzten Endes doch marktwirtschaftlichen Vorgang wird man auch mit marktwirtschaftlichen Mitteln begegnen müssen.

Entscheidend für die weitere Gestaltung der Kaffeepreise wird das Verhalten des Verbrauchers selbst sein. Die amerikanische Nachfrage ist unter dem Eindruck der drüben besonders robust gestiegenen Endverbraucherpreise in den letzten Tagen stark gesunken, was wiederum zu recht empfindlichen Preiseinbrüchen im Einzelhandelsbereich geführt hat. Der Preis, den wir heute oder morgen für ein Pfund Kaffee zahlen werden, hängt nicht allein davon ab, was gefordert wird, sondern auch davon, was wir zu geben bereit sind. Immerhin muß man wissen, daß selbst heute noch die Importeurabgabepreise für manche Brasilkaffees in Hamburg und Bremen unter den Bezugsparitäten liegen. Das wird zwar ausgeglichen durch Aufschläge auf andere Sorten, aber immerhin zeigt es doch, daß der Kaffeepreis auch unter den heutigen veränderten Verhältnissen nicht nur durch die Weltmarktpreise bestimmt wird, sondern ein Wettbewerbspreis geblieben ist, der auch nach unten munipulationsfähig ist.

Kaffee ist ein bekömmliches, notwendiges, aber doch auch elastisches Genußmittel. Der Kaffeeabsatz reagiert empfindlich auf Preisveränderungen, wie es die generellen Preisherabsetzungen mit folgender Mehrnachfrage im vergangenen August sehr eindrucksvoll bewiesen haben. Wird dem deutschen Verbraucher nun in umgekehrter Richtung zuviel zugemutet, so könnte das Wirkungen haben, die auch an den Kaffeebörsen der Welt nicht ohne Eindruck bleiben werden. Das nur zaghafte Nachziehen der deutschen Kaffeepreise hinter den Veränderungen am Weltmarkt zeigt, daß sich der deutsche Kaffeehandel dieser Tatsache voll bewußt ist. Allerdings sind wir nur eine kleine Figur auf dem Schachbrett der großen Kaffee-Strategie: die Amerikaner konsumieren zwei Drittel der Kaffeewelterzeugung. Dort drüben wird dann wohl auch diese Entscheidung fallen. kr.