Paris, Anfang Februar

Auf zwei wichtigen Pariser Bühnen spiegelt sich zur Zeit der aktuelle Kampf: Freiheit des Individuums oder autoritärer Machtanspruch, liberale Demokratie oder Diktatur, christlicher Humanismus oder brutaler Materialismus. Beide Werke sind Träger bestimmter, klar erkennbarer Tendenzen. Aber welch ein Unterschied in der Konzeption und der Durchführung!

Im „Théâtre Hébertot“ feierte dieser Tage Thierry Maulnier, der Dramatiker-Kritiker und Figaroredakteur, die hundertste Aufführung seines Dramas „La Maison de la Nuit“. Und im Théâtre du Vieux Colombier kämpft die französische Dramatisierung des deutschen Romans von Walter Jens: „Die Welt der Angeklagten“ (Le Monde des Accusés) schwer und mühsam gegen die Auswirkungen einer absprechenden Kritik.

Auf den ersten Blick erscheint diese Ablehnung um so überraschender und unverständlicher, als dasselbe Werk, in derselben Aufführung und Besetzung vor Jahresfrist von derselben Presse durchaus freundlich besprochen und von der „Französischen ansehnlichen der Freiheitsfreunde“ mit einem sehr ansehnlichen Preise ausgezeichnet wurde. Es ist allzu billig und bequem, zu bestimmen: Aus einem guten Roman wird nie ein gutes angeblich stück. Die neuere Dramatik hat diesen Erkenntnis unanfechtbaren Kernsatz literarischer Erkenntnis längst widerlegt. Die Gründe des plötzlich revimüssen Urteils, des Umschwungs der Meinungen, müssen ein klein wenig tiefer liegen.

Maulnier hat seinen erdichteten Stoff stark romantisiert: unmittelbar am Eisernen Vorhang, im Niemandsland, in einer vereinsamten, verlassenen, einst luxuriösen, heute feucht-muffigen und zerfallenen Villa, dem Schlupfwinkel eines undurchsichtigen Schmugglers von Menschen und Ware, begegnen sich in einer stockfinsteren Gewitternacht politische und andere Flüchtlinge, Spione, unerbittliche Parteifanatiker und triebhafte Abenteurer. Maulnier setzt die Farben kontrastreich gegeneinander. Er zeigt gehetzte Menschen in ihren Sorgen und Nöten, in ihrem Kampf gegen die Willkür des Schicksals, Menschen, die in gefahrvoller, Situationen rasche Entschlüsse fassen müssen. Alle die zufälligen Besucher dieses unheimnicht, Hauses der Nacht verfallen, ob schuldig oder nicht, auf Grund eines totalitären Machtbefehls, der Vernichtung.

Demgegenüber zeigt „Die Welt der Angeklagten“ eine Bilderfolge bedrückender Kafkasituationen mit einem von vornherein aussichtslosen Kampf des einzelnen Individuums gegen ein fiktives, autoritäres Staatssystem, in dem nur noch Richter, Angeklagte, Zeugen und Verräter vegetieren, um sich vom Räderwerk des Geschicks zermahlen zu lassen.

Ist bei Maulnier ein zwingend sich abwickelnder Handlungsablauf auf der ganzen Skala der Gefühle von selbstloser Hingabe bis zu berechnender Haßliebe aufgebaut, so werden bei Jens’ französischen Bearbeitern menschliche Gefühle höchstens angetönt, nie durchgeführt, und der Kampf des Individuums gegen die unmenschlichen Fesseln des totalitären Systems schließt von vornherein jede Möglichkeit eines eigenen, freien Willens aus. In kalten Laboratorien bewegen sich ohne menschliche Wärme blutleere, schwarz-weiß gezeichnete Schemen, die nichts ausstrählen. Kein dichterischer Funke springt über.