München, Anfang Februar

Dieses Stück“, schreibt Julien Green im Vorwort zu seiner Tragödie „Süden“, die in München soeben ihre deutsche Erstaufführung hatte, „entstand in Reaktion auf eine Literatur von unterschiedlicher Qualität, deren Ursprünge auf das Jahr 1925 zurückgehen und die in meinen Augen ein ernstes und edles Thema herabwürdigte, in dem sie es fast ganz auf die Ebene der Sinnlichkeit stellte.“

Das Thema, die Liebe eines jungen Mannes zu einem anderen, der sie nicht begreift und aus unterbewußter Furcht wohl nicht begreifen will, ist kaum zuvor als tragender Konflikt auf die Bühne gebracht und sicher noch nie mit jener Unerbittlichkeit durchgeführt worden, die die Werke Greens kennzeichnet. Dem amerikanischen Leutnant, der sich von einer tiefen Liebe zu dem jungen Erik Macclure ergriffen fühlt, obwohl er kaum mehr als seinen Namen weiß, enthüllt sich hier am Vorabend des Sezessionskrieges seine eigene abgründige Natur. Er erkennt plötzlich, warum er die Liebe des Mädchens Regina mit einem Spott und einer Schärfe zurückweist, die Grausamkeit wäre, wäre der Grund ihm eher bewußt gewesen. Gepackt von einer fast mystischen Furcht, versucht er seinem Schicksal zu entfliehen: Er bittet die junge Angelina, die Macclure gleich ihm liebt und die er bis dahin nur wenig beachtet hat, um ihre Hand. Aber er täuscht niemanden, weder Angelina noch ihren Vater, der Leutnant Jan Wiczewskis ungewöhnliche Liebe als erster erkennt und versteht, nicht einmal Jim, den Vierzehnjährigen, der etwas schwärmerisch zu dem älteren aufblickt, und am wenigsten sich selbst. Nun nimmt Wiczewski sein Schicksal an, er spricht mit Erik Macclure, versucht um sein Verstehen, seine Liebe zu werben, und einen Augenblick scheint es, als würde ihm gegeben, aus seiner Einsamkeit herauszutreten. Aber er scheitert, man weiß nicht ganz, ob an dem Unverständnis oder dem ein wenig kalten Puritanertum Macclures. In einer Wallung von Zorn, Verzweiflung und beleidigtem Stolz schlägt Jan den, den er liebt, ins Gesicht und fordert ihn, um ihn zu töten. Aber im Zweikampf verteidigt er sich kaum und fällt. Es ist, als habe er überwunden und biete sich dem Schicksal selbst als Opfer dar.

Das Stück ist Greens dramatisches Erstlingswerk. Man mag die Frage stellen, ob man bereit ist, diese Themenstellung auf der Bühne zu akzeptieren. Tut man es, so kann man nicht umhin, die glänzende psychologische Durchdringung, den straffen Aufbau in strenger Wahrung der klassischen Einheit von Zeit, Ort und Handlung und das Zartgefühl in der Behandlung so außergewöhnlicher Probleme zu bewundern. So paradox es klingt, es ist nahezu ein Puritanismus in dem Stück. Gewiß, ungewöhnliche Leidenschaften werden offen zur Kenntnis genommen. Der Held gelangt dazu, seine Liebe zu einem jungen Manne hinzunehmen, selbst zu bejahen. Er fühlt sich keineswegs als Ausgestoßener. „Ich schäme mich nicht“, sagt er einmal, „aber ich bin schrecklich allein.“ Selbst die Gesellschaft, in der er sich bewegt, verurteilt ihn nicht (und man sieht daraus, daß der Hintergrund des Sezessionskrieges kein zwingender ist), der Vater begreift und billigt ihn, selbst das Mädchen Regina bewahrt ihm Liebe. Und dennoch waltet ein „Puritanismus des Schicksals“ in dem Stück, ein Verhängnis, das keine der Hauptpersonen, die durch Liebe verbunden sind, Erfüllung finden läßt, nicht einmal Erik Macclure und Angelina. Der drohende Krieg ist nur ein Symbol für nahendes, unentrinnbares Schicksal. Bei aller Dichte und psychologischen Verwogenheit, die dem Leser sich leichter erschließt als dem Zuschauer, fordert die Subtilität der Behandlung ein großes Einfühlungsvermögen.

Die Rolle des Leutnants Wiczewski stellt hohe Anforderungen an die Persönlichkeit des Darstellers. Bernhard Wicki spielte sie wohl nicht kraftvoll genug, fast ein wenig verdrossen. Vielleicht liegt das zum Teil an der Regie Ernst Ginsbergs, der in dem Bemühen, die Darstellung gedämpft zu halten, manchmal zu weit ging. Erik Macclure und Angelina waren durch Rainer Penkert und Brigitte Ratz ausgezeichnet besetzt. Die von Elfriede Kuzmany gespielte Regina, die den Helden zugleich liebt und haßt, wurde am lebendigsten – vielleicht weil der Autor, wie er berichtet, sie im Geist als die erste Gestalt dieses Stückes gesehen hat. –ff