Es ist mehr als zwei Jahre her, da flüsterte das Revier erstmalig von einem gewaltigen Klöckner-Projekt, dem Neubau eines Stahl- und Walzwerkes mitten auf der grünen Wiese im Raum von Wesel. Von der Verwaltung in Duisburg wurden diese Pläne bestätigt, aber stets als ein ferner, kühner Traum bezeichnet. Ein Milliardenprojekt läßt sich nicht mit leichter Hand verwirklichen. Und doch dürfte Klöckners „Walztraum“ nunmehr ein gutes Stück vorwärtsgekommen sein...

Im Zuge der Verlagerungen in der Struktur und im Eigentum der Montankonzerne hat sich die Fried. Krupp, Essen, von der Norddeutsche Hätte AG in Bremen getrennt, einem nach Kriegsende vollständig demontiertem Betrieb, dem lediglich eine Kokerei, eine Zementfabrik und Teile der Energieversorgung erhalten blieben. Das gesamte Gelände der Nordhütte hat nunmehr der Hüttenbergwerksverein, die eisenschaffende Nachfolgegesellschaft der Klöckner-Werke, erworben. Darüber hinaus soll der Staat Bremen weiteres Gelände günstig zur Verfügung, gestellt haben.

Im Zusammenhang mit diesem Projekt sind bereits einige Zahlen über die wahrscheinliche Kapazität genannt worden. Sicherlich besteht kein Zweifel darüber, daß ein Hüttenwerk, wenn es eine fundierte Rentabilität haben soll, in der Größenordnung von etwa 1 Mill. Jahrestonnen Rohstahl liegen müßte. Sicher ist auch, daß bei einem Bau „auf grüner Wiese“ ein Durchschnittssatz von 1000 DM je Jahrestonne Investitionsbedarf in Ansatz gebracht werden kann. Im Falle Nordhütte aber dürfte unter Ausnutzung des vorhandenen industriellen Geländes eine wesentlich andere Rechnung anzustellen sein.

Doch darüber griffige Kombinationen anzustellen, ist wohl noch verfrüht. Tatsache ist lediglich, daß Klöckner die Nordhütte erworben hat, und Tatsache ist weiterhin, daß damit das alte Projekt Wesel ad acta gelegt werden konnte. Was und in welchem Umfang im Raum Bremen von Klöckner gebaut werden wird, hängt wesentlich von der Lösung der Finanzierungsfrage ab. Der Erwerb der Nordhütte ist jedenfalls ein Kauf auf sehr weite Sicht und das Ergebnis einer unternehmerischen Großplanung.

Dazu ein paar Gedanken, die sich mit Bekanntwerden des Kaufes aufdrängen. Klöckner hat mit seinen revier-östlichen Werken schon immer für das Weser- und Elbgebiet frachtgünstig gelegen. Wenn es jetzt unmittelbar in den norddeutschen Raum und an die Seewasserstraße vorstößt, dann werden hier nicht nur Standortvorteile bezüglich des Verkaufs der Produkte, sondern auch solche bezüglich des Einkaufs der Rohstoffe nutzbar gemacht. Wer an der Küste Stahl machen will, wird seine Rohstoffe an Erz aus Übersee (z. B. Schweden oder Brasilien) und seine Kohle aus den USA oder aus England beziehen. Unter Umständen wird sogar das Öl als moderner Konkurrent der Kohle eine beachtliche Bedeutung erhalten können. Diese Importrohstoffe haben im Küstengebiet einen beträchtlichen Frachtvorsprung vor der Ruhr. Wenn man weiter bedenkt, daß die US-Kohlenwirtschaft langfristig auf Abstiegslinie ist und von dort ein neuer Einbruch in die internationalen Kohlenpreise erfolgen kann, dann erwachsen recht bemerkenswerte unternehmerische Produktions- und Rentabilitätsaussichten.

In dem Projekt steckt viel wirtschaftliche Musik. Eine dicke Träne dürfte allerdings Hamburg weinen, das schon vor langer Zeit ernsthaft die Überlegung diskutierte, im Hamburger Freihafengelände ein großes Stahlwerk zu errichten. Bremen ist dem zuvorgekommen. Und noch ein anderer hat eine dicke Träne bei dem neuen Walztraum von Klöckner verloren: der holländische Großaktionär, der im Zuge der alliierten Entflechtungsdiktate durch Aktientausch mit Klöckner-Humboldt-Deutz auf etwa 51 v. H. vom Hüttenbergwerksverein-AK gekommen ist. Die N. V. Handelmaatschappij „Montan“ hoffte nämlich auf den Raum Wesel, um dadurch dem Hafen Rotterdam neue Umschlagsgüter vermitteln zu können. W.-O. R.