Von Ulrich Becher

Madame Kecke, Vigneau und Pawlitschek wohnten zu dritt in einem gritzgrauen Haus in St. Omer. Das Haus war so betagt, so erdengraubaufällig vorgeneigt, daß es durch einen Balken hatte gestützt werden müssen, was manches Ärgernis herausforderte. Ein angeheitert heimkehrender Tischler aus der Nachbarschaft, der beim Anprall einen schmerzhaften Schaden an seiner Nase davongetragen, hatte geschworen, dieser verwünschten Elsässerin den Balken schlankweg abzusägen. Doch nichts dergleichen geschah.

Vigneau schlief zuoberst in der Dachkammer. Madame Kecke hauste im obersten Stock, bestehend aus drei kabinenartig kleinen Salons und einem Schlafkemenatchen. Der Mittelstock stand mit streng verschlossenen Fensterläden unbenutzt. Das Parterre mit der Pförtnerkammer und den beiden Sälchen, vollgestellt von morschen, mit nicht sehr weißen Laken zugedeckten Möbeln, hielt sich wiederum zur Verfügung Vigneaus, der dort sein Mittagsschläfchen zu verbringen, seine Rechnungen, Kriminalromane, Nußschalen, Pflaumenkerne wahllos herumliegen zu lassen pflegte. Es konnte als Mißverhältnis erscheinen, daß Madame nur ein Stockwerk innehabe, ihr Diener zwei. Doch besaß Madame Kecke eine durchaus vogelnesthafte Vorstellung von einem Heim, die sich mit dem Bewohnen verschiedener Höhenlagen nicht vertragen wollte.

In der Tiefe, in einem kellerartigen Verlies, wohnte Pawlitschek. Von der Tür führte der unebene Boden schrägab ins lichtarme Innere; die Tür war so niedrig, knapp mannshoch, und für Pawlitschek das Hindurchkommen kein leichtes Beginnen. Zuerst hatte er sich darum ehrlich gesträubt. Nun hatte er sich damit abgefunden, zwängte sich mit vorgezerrtem Kopf in einer Art hilfloser Kniebeuge durch die Öffnung – keine Kleinigkeit für eine steifbeinige mährische Mähre, die Vigneau im letzten Krieg einem tschechoslowakischen Rittmeister billig abgehandelt hatte.

Es geschah, daß Madame Keckes Diener eines Samstagabends im Vorfrühling sechs Gläser Schnaps über den Durst trank. Das hinterließ am Sonntagmorgen unerquickliche Spuren: pochenden Kopfschmerz und beizende Müdigkeit. In solch beklagenswerter Verfassung trieb Vigneau den Pawlitschek aus dem Stall. Wie er ihn über den winzigen Hof führte, hörte er Madame Kecke von oben rufen: „Vigneau – fertig?“ „Fertig, Madame“, erwiderte Vigneau nicht besonders laut. Mit tranigen Bewegungen zog er den Dogcart aus dem Bretterverschlag und machte sich daran, Pawlitschek im Geschirr zurechtzustellen, als Madame Keckes Stimme sich zum zweitenmal erkundigte, ob alles fertig sei. „Alles fertig“, rief Vigneau ein wenig lauter und schirrte den Gaul gemächlich an. Nach zwanzig Minuten war es vollbrachte Und wieder fragte die rauhe Stimme aus der Höhe: „Alles fertig?“

„Fertig!“ rief Vigneau, diesmal laut und beteuernd. Darauf ertönte oben ein befriedigtes „Mmmm“, das Rascheln niederschlurfender Schritte, Knarren vieler Türen. Bald schob sich die Herrin reisebereit über den Hof. Der schwerfallende Stoff ihres mantillenartigen Umhangs schleifte über die Katzenköpfe. Hoch auf dem Haupt trug sie einen ungewöhnlich alten, großen, mit allerhand Federn und künstlichen Blumen geschmückten Hüt.

Während Vigneau sich in die Ausgangstracht der Kellner und Diener warf: zu kurzer gelber Paletot und schwarze Melone, hob sie ihr „Peitschenlorgnon“ – ein gewöhnliches Schildpattlorgnon, daran eine Lederschnur befestigt war – und umkreiste mit prüfender Miene Pferd und Wagen. Dann nahm ihr Gesicht einen milden Ausdruck an, sie ließ sich in den Dogcart helfen, ergriff die Zügel. Vigneau indes zwängte sich auf den hinteren Sitz, wo er hinter ihrem breiten Rücken recht schmächtig und unscheinbar anmutete in seiner tristen Zerschlagenheit.