Im Auditorium sitzen Beamte des Kultusministeriums, am Pult steht das Vorstandsmitglied einer Versicherungsgesellschaft – eine auf den ersten Blick ein wenig seltsam anmutende Konstellation. Der Vortragende spricht über den Begriff und Inhalt der wirtschaftlichen Bildung, gleichsam als Ansager, als wirtschaftspolitischer Conférencier für den zweiten Redner, ein weiteres Vorstandsmitglied der gleichen Gesellschaft, der den Zuhörern einiges aus der „Schadensmappe“ seines Unternehmens erzählt, von Bränden und Verkehrsunfällen spricht, vom Verhalten der Versicherten und der Versicherer, von den Prämien und den Schadenszahlungen und anderen Tages- und Grundsatzproblemen der Assekuranz.

Es ist nicht das erstemal, daß führende Männer dieses größten Unternehmens der Privatversicherung in Westdeutschland eine Gruppe von Verwaltungsbeamten zu sich geladen haben, um ihnen zu sagen, was sie tun und treiben, was Versicherung ist, wie sie gehandhabt wird und was der Laie davon wissen sollte. Das Unternehmen hat schon Dutzende von ähnlichen Veranstaltungen inszeniert; Andere Ministerien wurden bereits zu solchen Diskussionsabenden eingeladen, ferner (beispielsweise) die Richter des Bezirks, mit denen Probleme der Verkehrssicherheit, der Kraftfahrzeug- und der Haftpflichtversicherung besprochen wurden; aber auch mit den Oberklassen höherer Schulen, mit Studenten, Hausfrauen, Handwerkern hat man sich zusammengesetzt – alles in dem Gedanken, die „public relations“ zu pflegen, jenes weite und manchem Beobachter ein wenig verschwommen oder gar verwaschen erscheinende Feld zu beackern, über das so viel gesprochen und für das doch praktisch in Deutschland noch so wenig getan wird.

Vorurteile hüben und drüben

Öffentliche Meinungspflege – es gibt noch keine bessere Übersetzung der „public relations“ – ist das Ziel solcher Aktionen des größten westdeutschen Unternehmens der Privatversicherung, das als bisher wohl einziges Unternehmen ein hauptamtliches Vorstandsmitglied voll mit dieser Aufgabe beschäftigt. In den USA ist die Meinungspflege längst zu einem selbständigen Ressort in der Leitung großer Unternehmen geworden, gleichberechtigt und gleich wichtig stehend neben Produktion, Einkauf, Verkauf, Personalwesen und Finanzen. Bei uns steht man dem Begriff der Meinungspflege hier und dort immer noch mit Vorurteilen und immer noch etwas mißtrauisch gegenüber. Langsam aber kommt die Bewegung doch m Gang, und sie hat ja auch in Deutschland rein psychologisch ein viel größeres Arbeitsfeld vor sich, einfach deshalb, weil es den Deutschen offensichtlich viel stärker an wirtschaftlicher Bildung mangelt als den Menschen in den USA. Das gilt nicht nur von den breiten Massen, sondern auch von den Leuten mit sogenannter allgemeiner Bildung, also von jener Schicht, die auf lange Sicht die öffentliche Meinung formt und prägt. Aber damit ist zugleich gesagt, daß die Meinungspflege in Dingen der Wirtschaft es bei uns viel schwerer hat als in den Vereinigten Staaten. Sie muß zunächst einmal auch bei denen, an die sie sich wenden will, also gewissermaßen beim „Empfänger“, einen Wall von Vorurteilen und sogar von Interesselosigkeit durchstoßen – Vorurteile, die die Unternehmer und die Unternehmungen als bloße Mammonisten, oft sogar als eine Art zivilisierten Gaunertums zu betrachten geneigt sind, Interesselosigkeit, die gegenüber wirtschaftlichem Wissen sozusagen die Haltung des „Ohne mich“ einnimmt. Mit diesen Vorurteilen und dieser Interesselosigkeit kann die Meinungspflege nur dadurch fertig werden, daß sie unverdrossen Steinchen für Steinchen zusammenträgt, unbeirrt durch anfängliche Enttäuschungen immer neue Ansatzpunkte sucht und nach dem Rezept „Du mußt es immer wieder sagen“ jenen Wall der Vorurteile und der Gleichgültigkeit systematisch annagt und unterhöhlt. Er wird, um im Bilde zu bleiben, nicht so bald einstürzen; aber man kann ihn vielleicht doch so schwächen und zernagen, daß er gewissermaßen durchlässig wird, daß er dünne Stellen, schließlich Löcher und Breschen zeigt – und damit wäre das Spiel doch schon halb gewonnen.

Weckt den Wissensdurst!

Im konkreten Fall sagt der „Aufklärer“ seinen Zuhörern beispielsweise folgendes: Ein Kraftfahrzeughalter muß infolge eines Unfalls der Witwe eines bei dem Unglück zu Tode gekommenen Mannes eine Rente im kapitalisierten Gegenwert von 100 000 DM zahlen. Die Versicherungsgesellschaft, d. h. also eigentlich die Risikogemeinschaft der Versicherten, übernimmt diese Bürde, die das Vierhundertfünfzigfache der jährlichen Prämie ausmacht. Darin offenbart sich das Wesen der Risikoverteilung, der Sieg der rechnenden Vernunft über Zufall und bloße Erfahrung. Wenn es die Assekuranz noch nicht gäbe, müßte sie schleunigst erfunden werden – das wird an Hand eines solchen und ähnlicher Beispiele jeder denkende Mensch einsehen. Aber man muß es ihm sagen – von selbst weiß er es nicht, kann er es nicht wissen. Und dies ist der Punkt, auf den es vor allem ankommt und den dieses Beispiel lehrt: Kein Unternehmer sollte sich in dem Gedanken wiegen, daß er den Leuten nichts zu sagen habe, daß er sich geniere, mit angeblich bekannten Dingen aufzuwarten und sich damit dem Spott der Gebildeten auszusetzen – das ist ein vollkommen verkehrter Standpunkt! Denn „das Publikum“ weiß in der Tat viel weniger von der wirtschaftlichen Wirklichkeit, von den großen Zusammenhängen wie auch von den wichtigen Details, viel weniger, als die Fachleute zu glauben geneigt sind; es gibt, um Shakespeares Worte abzuwandeln, viel mehr Unwissenheit auf der Welt, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt! Und die Menschen sind dankbar, etwas lernen zu dürfen, sie sind wissensdurstig, sie wollen sich tatsächlich dem Lehrstoff zuwenden, wenn er ihnen nur in der richtigen Form geboten wird. Allgemeinverständlichkeit braucht nicht Oberflächlichkeit zu bedeuten – auch in diesem Punkte sind die Angelsachsen uns voraus –, und die Kunst der Übersetzung des Fachlichen in die Sprache, die jeder gebildete Mensch versteht, hat ja auch bereits ihre Spezialisten gefunden, deren Hilfe sich jedes Unternehmen verschaffen kann, das sich in die Meinungspflege einschalten will. Der Wissensdurst ist überall latent vorhanden; er braucht nur mit den richtigen Methoden geweckt zu werden.

„Ein Unternehmen, das public relations pflegt, dient damit nicht nur sich selbst und seinem Wirtschaftszweig, sondern auch der kulturellen und zivilisatorischen Aufgabe der allgemeinen wirtschaftlichen Bildung, ohne deren Perfektion unsere Wirtschaftsordnung keinen Bestand haben wird – sie wird zerfallen, wenn sie nicht verstanden wird...“ Dieser beherzigenswerte Satz stammt von H. W. Schmidt-Polex, dem Manne, der im Vorstand der Allianz Versicherungs AG die Meinungspflege leitet. Meinungspflege in diesem Sinne ist ein Beginnen, in dem sich eine Identifizierung des unternehmerischen Interesses mit dem Gesamtinteresse verkörpert. Sie gehen genau so in eins, sie koinzidieren genau so, sie hauen in die gleiche Kerbe wie der Zusammenklang von Rentabilitätsstreben privatwirtschaftlicher Observanz und Produktivitätserfolg im volkswirtschaftlichen Sinne – beide Male ergibt sich, bei richtiger Handhabung, eine Identität der Ziele und der Wirkung. Meinungspflege „lohnt sich“ also in einem doppelten Sinne, und wem ihr volkswirtschaftlicher Nutzen nicht genügt, der sollte sich wenigstens an die andere Seite halten: Richtig angepackt „rentieren“ sich die public relations auch und sogar für das sie betreibende Unternehmen selbst. Volkmar Muthesius