Hannover, Ende Januar

Die Zivilkammer des hannoverschen Landgerichts hat in diesen Tagen ein Urteil gefällt, das wegen der tragischen Umstände allgemeine Beachtung verdient. Sie hat nämlich die Ehe eines heimgekehrten Kriegsgefangenen auf dessen Verschulden geschieden, weil er die eheliche Gemeinschaft nicht wieder aufnahm, als er erfahren hatte, daß die Frau durch die Vergewaltigung eines sowjetischen Soldaten einen Sohn bekommen hatte. Die Gerichtsentscheidung ist deshalb von allgemeinem Interesse, weil ähnliche Fälle da und dort in Deutschland vorkamen und die Allgemeinheit in hohem Grade beschäftigten.

Hier die Vorgeschichte dieses Falles. Ein Kraftfahrer aus Hannover ist 1947 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Er suchte fünf Jahre nach seiner Frau, die er 1933 in Stettin geheiratet hatte. Auch von seinen beiden Töchtern, die inzwischen 19 und 20 Jahre alt sind, fehlte jede Spur. Endlich, im Mai 1952, erfuhr er über den Suchdienst, daß sie nach Holstein geflüchtet waren und dort wohnen. Er fuhr sofort hin und reiste aber nach wenigen Stunden wieder ab. Nach der ersten Wiedersehensfreude mußte ihm nämlich seine Ehefrau mitteilen, daß sie während seiner Abwesenheit den heute acht Jahre alten Klaus aus einer Vergewaltigung durch einen Russen geboren hatte. Er stellte darauf die Frau vor die Alternative, entweder das Kind wegzugeben oder auf die Wiederherstellung der ehelichen Gemeinschaft zu verzichten. Die Frau lehnte dieses Ansinnen ab und erklärte, das Kind nicht weggeben zu wollen. Daraufhin reichte der Ehemann die Scheidungsklage ein; die Ehefrau erhob Widerklage. Das Gericht hat nun am vorigen Mittwoch die Ehe aus Verschulden des Mannes geschieden und ihm die Kosten des Rechtsstreites auferlegt. Da beide Parteien auf Rechtsmittel verzichteten, ist das Urteil sofort rechtskräftig geworden.

Die Begründung des Ehescheidungsurteils geben wir hier in ihren wesentlichen Punkten wieder:

„Die Scheidungsbegründung der Ehefrau besteht zu Recht, da sich der Kläger geweigert hat, die eheliche Gemeinschaft wieder herzustellen und außerdem seine Unterhaltspflicht vernachlässigte, sowie durch die Nichtbeantwortung von Briefen seit dem ersten Wiedersehen ein liebloses Verhalten an den Tag legte. Es muß als eine schwere Eheverfehlung des Klägers angesehen werden, wenn er die Ehefrau einfach vor die Wahl stellt, entweder auf den aus ihrer Vergewaltigung durch einen Russen erzeugten Sohn Klaus oder auf die Fortsetzung der Ehe mit ihm, dem Kläger, zu verzichten. Er hat dadurch die Ehe so tief zerrüttet, daß die Wiederherstellung einer dem Wesen der Ehe entsprechende Lebensgemeinschaft nicht mehr erwartet werden kann.“

„Das Wesen der ehelichen Lebensgemeinschaft besteht darin, daß beide Ehegatten grundsätzlich bis zu ihrem Tode gemeinsam Freud und Leid der Familie zu tragen und zu teilen haben. Beide Ehegatten müssen daher Schicksalsschläge, die sie oder ihre Familienangehörigen betreffen, gemeinsam tragen, auch wenn sie noch so schwer sind. Geburt und Vorhandensein eines aus einer Vergewaltigung entstandenen Kindes in der Familie ist ein besonders schwerer Schicksalsschlag, aber nicht nur für den Mann, sondern genau so für die Ehefrau, da sie allein durch die seelischen Qualen der Vergewaltigung und die Schwere der Gedanken über das Erlebte bis zum Wiedersehen mit dem eigenen Mann, vieles ertragen muß. Zweifellos wird das Ehrgefühl des Mannes bei der Geburt eines Kindes besonders getroffen, das von dem Angehörigen einer Armee stammt, gegen die der Kläger im Felde stand. Aber selbst die Rücksichtnahme auf sein Ehrgefühl kann nicht dahin führen, daß die Fortsetzung der Ehe dem Kläger nicht zugemutet werden könnte. Die Beklagte ist völlig schuldlos, denn Tausende deutscher Frauen traf durch die Rote Armee ein derartiges Los. Die Mehrheit des deutschen Volkes hat daher auch Verständnis für einen derartigen Schicksalsschlag und erblickt darin nur die Tragik eigenen Geschehens, nicht aber eine unzumutbare Demütigung des Klägers. Der Kläger bringt die Ehefrau in einen schweren Gewissenskonflikt, wenn sie sich für ihn oder das Kind entscheiden soll. Einerseits bestehen rechtliche und moralische Verpflichtungen gegenüber dem Ehemann und andererseits gegenüber dem Sohn. Sie hat den achtjährigen Klaus nicht nur geboren, sondern auch aus eigener Kraft großgezogen und als ihr eigenes Kind liebgewonnen.

Die Mutterliebe muß immer noch als das höchste, natürlichste und heiligste Gefühl anerkannt werden. Aus diesem Grunde ist der Mutter auch kein Vorwurf zu machen, wenn sie sich aus Liebe zu ihrem Kind für dieses entscheidet. Der Kläger wird lediglich vor die Notwendigkeit gestellt, die mit dem Kind belastete Ehe fortzusetzen, während die Nichtfortsetzung der Ehe für die Frau einen erheblichen Verlust bedeutet, da sie ihre Stellung als Ehefrau und damit auch den Schutz und Halt ihrer ganzen Familie, das heißt, auch der beiden ehelichen Töchter verliert. Der Kläger kann seine Weigerung, die Ehe fortzusetzen, nicht damit entschuldigen, die Beklagte habe sich für ihren Sohn Klaus und somit gegen ihn entschieden. Seine Weigerung bleibt vielmehr eine schwere Eheverfehlung, so daß die Ehe deswegen aus seinem Verschulden zu scheiden war.“ Ein ähnlicher Fall beschäftigt das Landgericht Hannover. Er lag insofern anders, als der Ehemann wegen der Existenz eines Russenkindes die Scheidungsklage erst erhob, nachdem aus der wiederaufgenommenen ehelichen Gemeinschaft ein viertes Kind erwartet wurde. In diesem Fall hat das Gericht bis jetzt noch kein Urteil gefällt. L.