Im Hotel hielt uns der chinesische Innenminister einen Vortrag über die chinesischen Parteien, Er versicherte uns, daß es außer der kommunistischen noch acht andere politische Parteien gäbe. Meine Bitte um einige Exemplare ihrer Satzungen wurde nicht erfüllt.

Wahr ist, daß alle sogenannten politischen Parteien nichts als Papierorganisationen sind. Es gibt praktisch keine andere Partei als die kommunistische. Denn, ob wir eine Fabrik, eine Schule, ein kulturelles Zentrum, ein Krankenhaus, einen Kindergarten, ein Sanatorium oder eine Universität besuchten – die Leistung, all dies geschaffen zu haben, wurde unvermeidlich den Verdiensten der unvermeidlichen kommunistischen Partei zugeschrieben und dem Vorsitzenden Mao. Man hörte kein Wort über die Rolle oder Wichtigkeit einer anderen der acht politischen Parteien.

Es gibt ein vielzitiertes Grundprogramm. Punkt fünf dieses Grundprogramms garantiert in der Theorie jedem chinesischen Bürger die Freiheit des Denkens, der Rede, der Vereinsbildung, des Briefwechsels und des Glaubens. Aber wie ist es in der Praxis bestellt? Die geringste Kritik an der herrschenden Macht kann einen Menschen vernichten. Sogar ein unbedachtes Wort in einem Privatgespräch genügt, die Zukunft eines Menschen zu ruinieren. Was aber hat das Volk von einem Gesetz, wenn es keinen Justizapparat gibt, der es durchführt? Ist es da verwunderlich, daß die Gefängnisse gefüllt sind? Praktisch 75 Prozent der neuen Gefangenen sind politische Häftlinge. Und dabei muß man sagen, daß ohnehin das ganze Land ein einziges riesiges Gefängnis ist. Will ein Bauer aus einem Dorf einen Freund oder Verwandten in einem anderen Ort besuchen, muß er die Einwilligung des lokalen Parteimannes einholen. Um mit der Eisenbahn zu reisen, muß ein gewöhnlicher Bürger eine Woche vor dem Antritt der Reise die Erlaubnis der Polizei erbitten und ihr angeben, warum er reisen will. Niemand kann eine Fahrkarte kaufen, ohne eine Polizeierlaubnis. Ein Haushaltungsvorstand darf keinem Freund oder Verwandten erlauben, nach zehn Uhr abends sein Heim zu betreten, wenn dieser keine Polizeierlaubnis besitzt.

Einmal besichtigten wir die Kohlenbergwerke in Fuschun. Plangemäß hätten wir vor 6 Uhr 30 abends zurückkehren sollen. Da wir aber darauf bestanden, das Bergwerk von innen zu sehen, verspäteten wir uns um zwei Stunden. Alle Männer, Frauen und Kinder von Fuschun standen entlang der Straße von Schlag sechs Uhr an. Sie warteten volle zwei Stunden auf uns, um uns einen „stürmischen Empfang“ zu bereiten. Im ganzen waren es ungefähr 15 000 Männer, Frauen und Kinder. Wir alle waren von dem wunderbaren Empfang gerührt. Am selben Tage erzählte mir ein Herr aus Peking, wie die Kommunisten das machen. Jeder Haushaltungsvorstand, sagte er, müsse ein „Hausbuch“ führen. Dieses Buch enthält die Anzahl der Familienmitglieder, ihr Alter und andere Einzelheiten. Jede Woche oder alle vierzehn Tage kommt ein Regierungsbeamter, das Buch zu prüfen. Er überzeugt sich, daß das Kommen und Gehen aller Familienmitglieder eingetragen ist. Zwölf oder fünfzehn Familien unterstehen einem von der Regierung ernannten „Obmann“, der über alle Neuankömmlinge oder Abgereisten in seinem Block unterrichtet sein und darauf achten muß, daß alle Befehle der Regierung befolgt werden. O nein, der Empfang in Fuschun war nicht so spontan, wie es den Anschein hatte. Er war eine Glanzleistung der Organisation.

In Nanking besuchten wir einen Kindergarten; Wir gingen in das Büro der Leiterin, Auch hier erhielten wir einen Leistungsbericht. Danach wurden wir herumgeführt. Im Tanzsaal blickte das Bild Maos von einer Wand herab. Auf einen kaum wahrnehmbaren Wink der Leiterin begannen die Kinder einen militärischen Tanz. Die zweite Runde des Tanzes war der Bewunderung Maos gewidmet und von einem Lied begleitet, das wir seit unserer Ankunft überall zu hören bekamen. Ich fragte ein Kind, wessen Bild an der Wand hinge. Das Kind, nur vier Jahre alt, setzte eine Miene auf, die nichts als Verwunderung über meine Unwissenheit war. Aber ich beharrte auf meiner Frage. Mit betontem Ärger antwortete das Kind: „Sie kennen ihn nicht? Es ist doch der Vorsitzende Mao Tse-tung, der für unsere Nahrung, Kleidung und Erziehung sorgt. Er ist unser Beschützer.“

Das Gespräch wurde durch einen Dolmetsch geführt. Auch während dieses Vorfalles kämpfte mein Gehirn mit einem Rätsel: Ist dies die Erziehung, mit der sie den menschlichen Geist von jahrhundertealten Fesseln befreien wollen? Mir fiel eine Geschichte ein, die uns jemand in Peking erzählt hatte: In China zögerten sogar die Eltern, vor ihren Kindern über Politik zu sprechen. Denn von den Kindern in China wird verlangt, daß sie dem Lehrer berichten, was sich täglich in ihrem Heim zutrug. Die Lehrer berichteten dann der Polizei das Wesentliche der so gesammelten Informationen.

Wie der Mao-Kult unter den Kindern betrieben wird, wurde bei einer Massenkundgebung in Peking offensichtlich. Ungefähr eine halbe Million Jugendlicher versammelte sich, um Mao – der persönlich zugegen war – ihren Gruß zu entbieten. Ihre Wangen glühten, und anscheinend schlugen ihre Herzen bei dem bloßen Anblick von Mao höher. Der neue Gott Chinas hatte unstreitbar die Macht in seinen Händen, die Zukunft seines Volkes zu schaffen oder es zu verderben.