Es gibt einen stillen Streit in Bayern, der die Gemüter immer wieder erhitzt: den Konflikt darüber, ob die Lehrerbildung konfessionell ausgerichtet sein soll oder nicht. Es gibt einen Mann in Bayern, der es in der Hand hat, diesen Streit aufflammen zu lassen: Georg Meixner. Sobald er als Vorsitzender des Kulturpolitischen Ausschusses ein vorbereitetes Gesetz über die Lehrerbildung im Landtag zur Debatte bringt, wird die große Koalition der CSU-Partei mit den Sozialdemokraten, die in Bayern herrscht, gesprengt werden. Er hat es bisher nicht getan. Er gab als Grund an, die finanziellen und akademischen Voraussetzungen seien nicht genügend geklärt. Aber die Wahrheit ist wohl, daß Georg Meixner seiner Partei und der Kirche den Vorwurf ersparen wollte, einen Kulturkampf in Bayern entfesselt zu haben.

Wäre er nicht Priester, so hätte Prälat Meixner, den manche Bayerns „heimlichen König“ nennen, begründete Aussicht, der nächste Ministerpräsident zu sein. So groß ist sein Ansehen in der Öffentlichkeit, daß man bei aktuellen politischen Problemen in München und über München hinaus die Frage hört: „Was meint der Meixner?“ Worauf Landfremde, sobald sie diese Frage hören, sich zu erkundigen pflegen: „Meixner? Wer ist das?“

Als Prälat Georg Meixner am 12. August 1951 mit knapper Mehrheit zum Vorsitzenden der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag gewählt wurde, fiel der Abgeordnete von Prittwitz-Gaffron auf, weil er sein Amt als Stellvertreter mit dem Bemerken niederlegte, er könne weder unter einem Pastor noch unter einem Prälaten amtieren. Er war mit seinen Bedenken gegen das geistliche Gewand in der Politik nicht allein. Aber niemand kann leugnen, daß der Prälat seither zu einem festen Mittelpunkt in dem Gewirr geworden ist, das eine süddeutsche Zeitung als den „Dschungel der bayerischen Politik“ bezeichnet hat. Ihm, der die Macht nicht suchte, ist heute ein Einfluß zugefallen, der den des Ministerpräsidenten und des Präsidenten des Landtags in mancher Hinsicht in den Schatten stellt.

Sein persönliches Charakterbild? – Nach der Art Bamberger Domherren versteht er, zu leben und leben zu lassen. Er weiß den Frankenwein zu schätzen. Eine gute Zigarre verschmäht er nicht, und seine Wohnung zeugt von behaglichem Geschmack. Sein Leben ist rasch erzählt: Der heute 66jährige wurde 1910 zum Priester geveiht, wurde Kaplan und wurde Pfarrer. 1923 wurde er Redakteur der katholischen Tageszeitung „Bamberger Volksblatt“ und Direktor des St.-Otto-Verlages. Er blieb dies, bis die Gestapo ihn 1937 seiner Stellung enthob. Schon 1932 war er ins bayerische Parlament gewählt worden; nach dem Kriege zog er wiederum in den Landtag ein. Heute ist er Domkapitular, päpstlicher Hausprälat und Ritter des Ordens von: Heiligen Grab, Vorstand des erzbischöflichen Seelsorgeamts und Diözesanpräses des katholischen Werkvolks.

Man sieht: Meixner kam von der Seelsorge zur Politik. Aber auch als Politiker blieb er Seelsorger. Noch heute steht er in der praktischen Arbeit des Geistlichen, und darin findet er seinen eigentlichen Beruf. Die Politik betrachtet er als eine ihm aufgebürdete Pflicht, und das ist die Erklärung für seinen Mangel an Ehrgeiz; es ist zugleich der Grund seiner Unabhängigkeit und Toleranz. Da seine politischen Grundsätze Halt in der Religion haben, ist er als Politiker um so beweglicher. Ja, er, der Priester, ist duldsamer als mancher feurige Laie, der sich unablässig auf die Kirche beruft. Sein vertrautester Mitarbeiter im Parlament ist der Landrat von Ebermannstadt, Rudolf Eberhard, ein überzeugter Protestant und Mitglied der Evangelischen Landessynode. Meixner ist kein brillanter Redner, aber er hat eine kluge, verständnisvolle Art, Verhandlungen zu führen, denn er nimmt Rücksicht auf die Eitelkeit des menschlichen Herzens, ohne im Sachlichen nachzugeben. Und dann noch eines: Der Prälat Meixner hat Mut. Als die Gestapo ihn schikanierte, fuhr er nach Berlin, um sich zu beschweren. Was sollte er heute fürchten?

Daß er sich auch aufs Praktische versteht, bewies der Prälat, als er seine von den Nazis unterdrückte Zeitung nach dem Zusammenbruch erneut ins Leben rief. Das war nicht einfach. Es fehlte an Geld, und außerdem hatte das sozialdemokratische Bamberger Konkurrenzblatt einen großen Vorsprung, als die amerikanische Kontrollabteilung im Jahre 1949 dem Prälaten und seinen Freunden schließlich die Lizenz erteilte. Der Prälat nahm den Konkurrenzkampf auf und setzte sich durch. Wobei er sich finanziell unter anderem dadurch einen soliden Rückhalt verschaffte, daß er in seinem St.-Otto-Verlag die Werke von Karl May herausgab.

Die Jugend liegt ihm am Herzen. Burg Feuerstein in der Fränkischen Schweiz wurde durch ihn und Monsignore Schneider zu einem Mittelpunkt katholischer Jugendarbeit. Sogar eine Segelflugschule richtete er dort ein, und als der Erzbischof sie 1952 einweihte, ließ Meixner es sich nicht nehmen, als erster mitzufliegen. Er erreichte tausend Meter und erklärte nach der Landung, er wäre gern länger oben geblieben. Kein Wunder, daß er auch bei der Jugend populär ist: Karl-May-Freund und Freund des Fliegens!

Auch die politischen Gegner pflegen – wenn sie ihn angreifen – jedesmal dem Prälaten die persönliche Integrität zu bestätigen. Und das ist ernst gemeint. Er trägt unter dem schwarzen Gewand eine „weiße Weste“. Das macht einen Teil seiner Stärke aus und verleiht ihm ein Ansehen, das sich auch außerhalb Bayerns noch einmal bemerkbar machen wird. Volkmar von Zühlsdorff