Die Nachricht, daß sich der Rechtsausschuß im USA-Senat für eine Freigabe der beschlagnahmten Feindvermögen ausgesprochen hat, überdeckte an den Börsen die Unsicherheit, die vermutlich von der Berliner Viererkonferenz ausgegangen ist. Einflußreiche und offenbar auch potente amerikanische Finanzkreise nahmen ihre Chancen als erste wahr und placierten an den deutschen Börsen umfangreiche Kauforders, die bei Schering zu heftigen Kurssprüngen (164 1/2–230–223) führten. Allerdings sind die Beträge, die in diesem Papier gehandelt wurden, nicht sonderlich hoch. Wie stark sich das Vermögen der Schering AG unter Umständen durch den freizugebenden USA-Besitz erhöhen kann, zeigt der Liquidationserlös für das US-Schering-Unternehmen, der unter treuhänderischer Verwaltung steht und 29 Mill. $ überschreiten soll. Das Schering-AK beträgt nach der Zusammenlegung 22,4 Mill. DM, dazu kämen also eventuell jetzt rund 122 Mill. DM, das wäre mehr als das Fünffache. Für Optimisten liegt selbst in dem heutigen Kurs noch etwas „drin“? weniger Zuversichtliche gehen von einem rückzuerstattenden Betrag von etwa 4 1/2 Mill. $ aus, dann würde der heutige Kurs ungefähr „richtig“ sein.

Von den Rückerstattungsaspekten profitierten neuerdings auch die Schiffahrtswerte Nordd. Lloyd (39–51 v. H.) und Hapag (52 – 66 v. H.), außerdem erhielten A E G und Siemens durch sie neue Anregungen. Das Kaufinteresse für die beiden letztgenannten Papiere beruht jedoch noch auf einem weiteren Faktor, der in den letzten Tagen dazu beitrug, den westdeutschen Börsen ein erfreulich lebhaftes Gepräge zu geben, obgleich alle innerdeutschen Bemühungen, die Diskriminierung der Aktien zu mildern, durch den jetzt veröffentlichten Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Kapitalmarktreform als vorerst gescheitert angesehen werden müssen. In Erwartung der neuen, inzwischen in Kraft getretenen, Transfererleichterungen für die Sperrmarkkonten wurden vom Ausland Vorkäufe in deutschen Spitzenpapieren vorgenommen, dabei vorzugsweise in AEG und Siemens. An Siemens war man deshalb besonders interessiert, weil man glaubt, daß dieses Unternehmen ansehnliche Aufträge im Zuge der in Gang kommenden weiteren Elektrifizierung der Bundesbahn erhalten wird.

Bemerkenswert blieb die Tatsache, daß das Ausland den Montanen mit einer erheblichen Reserve gegenübersteht, die man allerdings allen gleichartigen Papieren in der Welt als Folge der verringerten Rüstungsbudgets entgegenbringt. Ob man mit diesen Gesichtspunkten auch die deutschen Eisen- und Stahlwerke messen sollte, steht auf einem anderen Blatt, denn bei uns spielt neben der Konjunktur immer noch die Überraschungen nicht ausschließende Entflechtung eine Rolle. Gerade bei den Ver. Stahlwerken hält man es für möglich, daß in der Substanz dieses Konzerns wesentlich höhere Reserven liegen, als im Augenblick vielleicht bekannt sind. Ist das tatsächlich der Fall, und man wird es später an der Kapitalausstattung und der Produktionsbasis der Nachfolgegesellschaften erkennen können, dann birgt der heutige Kurs des Stahlvereins von etwa 219 v. H. auf längere Sicht gesehen eine annehmbare Kurschance, die sich auch durch die schleppende Durchführung des Aktienumtausches nicht verringern dürfte. – Auf das breitere Publikum wirkte die Nachricht deprimierend, daß die Ilseder Hütte Kurzarbeit einführen mußte, weil die Lagerbestände das erträgliche Maß überschritten. Allerdings konnten sich die Aktien der Ilseder Hütte inzwischen nach einem vorübergehenden Tiefstand von 128 auf 134 v. H. erholen.

Am I G – Farben - Markt machte sich der ausländische Einfluß bemerkbar, durch den die alten Aktien und die Liquidationsanteilscheine nach zeitweiligen Verlusten wieder etwas aufholen konnten. Von den Nachfolgegesellschaften kamen Casella infolge des bekannten Materialmangels mit 160 v. H. zu einem neuen Höchstkurs. Von weiteren chemischen Werten zogen Dynamit Nobel aufgrund von Dividendenerwartungen auf 132 v. H. an-, aus ähnlichen Gründen blieben auch die übrigen Papiere dieses Marktes zuversichtlich beurteilt.

Bei Zellstoff Waldhof gab es ebenfalls infolge Dividendenerwartungen eine Sonderbewegung (plus 16 Punktel). Man erinnert sich, daß die Zellstoffindustrie in 1953 eine recht gute Konjunktur verzeichnete, die auch in einer entsprechenden Rendite ihren Niederschlag finden sollte. – Bremer Straßenbahn zogen um 15 Punkte an, nachdem der Bremer Staat für die Aktien eine Dividendengarantie von 5 v. H. ab 1. Januar 1953 ausgesprochen hat.

Die Diskussion um die leidige Phrix - Affäre hat durch eine Verlautbarung der Schutzvereinigungen neuen Gesprächsstoff gefunden. Nach dem kürzlich in Hamburg gegründeten Aktionärsverein fordern nunmehr auch die Schutzvereinigungen eine HV. „Die Schutzvereinigung Hamburg“ – so heißt es in dieser Verlautbarung – „hat sich bisher zurückgehalten, da sie Grund zu haben glaubte, dem gegenwärtig im Amt befindlichen Vorstand Vertrauen entgegenbringen zu können und die außerordentlich komplizierte Lage nicht aurch eine weitere Beunruhigung der Öffentlichkeit erschweren wollte.“

Am Rentenmarkt wurde für die Reichsschatzanweisungen weiterhin ein Kurs genannt, der zwischen 4 und 4 1/4 v. H. liegt. Es besteht Aussicht, daß sich der Bundestag in den nächsten Tagen mit der Regelung der alten RM-Verbindlichkeiten der öffentlichen Hand beschädigen wird. RM-Industrieobligationen blieben anhaltend gesucht, ohne daß ausreichendes Material – zur Verfügung stand. Das Umtauschangebot für die Harpener Bonds hat ihren Kurs um 3 1/2 Punkte gebessert. – Die Daimler - Benz A G bietet gleichzeitig mit ihrer 30-Mill – Anleihe den Inhabern der 4 v. H.-Teilschuldverschreibungen von 1942 an, ihre Stücke in die neuen 7 1/2 v. H. verzinslichen Papiere umzutauschen. Bei der Zuteilung werden die Umtauschenden bevorzugt berücksichtigt. Die im Verhältnis 10:1 auf DM umgestellten 4 v. H.-Teilschuldverschreibungen werden beim Umtausch in die neue Emission mit 100 v. H. in Zahlung genommen. Der Unterschied zum Zeichnungskurs der neuen Anleihe von 97 1/2 v. H., also 2 1/2 v. H., wird den umtauschenden Obligationären in bar ausgeschüttet. Darüber hinaus zahlt die Gesellschaft beim Umtausch die am 1. April 1954 fälligen Halbjahreszinsen der 4 v. H.-Anleihe von 1942 bereits am 1. Februar 1954, ohne Rücksicht darauf, daß die Verzinsung der neuen Anleihe mit 7 1/2 v. H. am 1. Februar 1954 beginnt. Mit dieser kulanten Regelung versucht die Gesellschaft die Härten auszugleichen, die das jahrelange Fehlen entsprechender gesetzlicher Bestimmungen denjenigen Obligationären gebracht hat, deren Stücke durch das Wertpapierbereinigungsgesetz kraftlos geworden waren. – Die seit langem erwartete 5 v. H.-Lastenausgleichsanleihe wurde am 1. Februar zur Zeichnung freigegeben. –n d t