In der guten alten Zeit hat der Getreidezoll genügt um die heimische Landwirtschaft vor der Konkurrenz des von Übersee kommenden Getreides „abzuschirmen“. Heute ist dieses klassische Mittel wirkungslos geworden, denn es gibt keine freien Weltgetreidemärkte mehr, sondern nur noch eine mehr oder weniger planwirtschaftlich gelenkte Getreidewirtschaft sowohl in den Erzeuger- wie in den Verbrauchsländern. Das Instrument der Getreidepolitik ist heute der Staatshandel oder (zumindest) die administrative Fixierung des Getreidepreisniveaus.

In der Bundesrepublik übt die Einfuhr- und Vorratsstelle die entsprechenden Funktionen aus. Sie steht auf der „Nahtstelle“, wo der planwirtschaftlich gelenkte Bereich der Landwirtschaft mit dem marktwirtschaftlichen des Gewerbes und des Handels zusammenstoßen. Sie befindet sich damit immer in einem Spannungsverhältnis, weil es ihre Aufgabe ist, die unterschiedlichen Kräfte auszugleichen, die diese beiden Wirtschaftsbereiche beherrschen. Heute geht die Tendenz dahin, der Marktwirtschaft auch im Getreidehandel größeren Raum zu verschaffen. Das war im Grunde das Thema, das dem Getreidehandelstag in Frankfurt zugrunde lag. Der Staatshandel, so wünschen es die Getreidehändler, soll nach Möglichkeit ganz ausgeschaltet werden. Die Funktion der Einfuhr- und Vorratsstelle will man darauf beschränkt wissen, die „Schleuse“ zwischen dem Preisniveau des Importgetreides und dem des Inlandsgetreides zu bedienen, und Preisdifferenzen (zwischen Auslands- und Inlandspreisen) durch Abschöpfung oder durch Subventionen auszugleichen. Bei der derzeitigen Situation kommen bis auf weiteres nur noch Abschöpfungen in Frage, die wirtschaftlich ähnlich wirken, wie früher die Getreidezölle. Der wesentliche Unterschied liegt nur darin, daß es sich bei den Abschöpfungsbeträgen nicht um fixe, sondern um variable Größen handelt, die so von der Einfuhr- und Vorratsstelle festgesetzt werden, daß das jeweils für ein Jahr (durch Getreidepreisgesetz) bestimmte Preisniveau auch tatsächlich gehalten wird. Als Nebenaufgabe der Einfuhr- und Vorratsstelle soll ihr weiterhin verbleiben, die für Notzeiten unterhaltene Bundesreserve zu bewirtschaften. Mit allem anderen, was darüber hinaus an staatswirtschaftlicher Tätigkeit jetzt noch geschieht, soll Schluß gemacht und damit freie Bahn für den Handel geschaffen werden.

Es ist offensichtlich, daß eine Lösung, wie sie dem Getreidehandel vorschwebt, weder Fisch noch Fleisch ist und daß ihr deshalb erhebliche Mängel und Risiken innewohnen müssen. Bundesernährungsminister Lübke, der eine „liberale“ Ordnung der Getreidewirtschaft erreichen möchte, will, wie er vor den Getreidehändlern ausführte, schrittweise den Staatshandel zurückdrängen. Rgb.