An die Absetzung des Partei-Theoretikers und jugoslawischen Parlamentspräsidenten Djilas, der in einigen Zeitungsartikeln von der Parteilinie abgewichen war, scheinen sich jetzt umfangreiche Säuberungsmaßnahmen zu schließen. Aus dem außenpolitischen Ausschuß der Kommunistischen Partei wurde der Propagandachef Dedijer ausgeschlossen. Dedijer ist Titos Biograph und gleichzeitig der Historiker der KPJ und des Partisanenkrieges. Säuberungsmaßnahmen wurden auch in Kroatien und in Montenegro eingeleitet, wo die Freunde von Djilas aus ihren Stellungen entfernt wurden. Aus Agram wird der Selbstmord eines Funktionärs gemeldet. Tito stellte dem staatlichen Sicherheitsdienst die Aufgabe, alle staatsfeindlichen Kräfte durch administrative Maßnahmen unschädlich zu machen.

Selten hat man einen so tiefen Einblick in die „Seele“ eines totalitären Funktionärapparates bekommen, wie durch, die siehzehnstündige Sitzung des Exekutivausschusses der KPJ über den Fall Djilas. Die Sitzung wurde vom jugoslawischen Rundfunk übertragen, die Zeitungen veröffentlichten tagelang, zum Teil in Sonderausgaben, den Wortlaut der wichtigsten Ausführungen. Was war geschehen? Ein Mann hatte den Versuch gemacht, sich aus der peinlichen Enge des kommunistischen Denkens zu erheben. Zwei Monate lang hatten die Parteigenossen in dem hochoffiziellen Belgrader Kommunistenblatt seine Artikel gelesen, und vielen hatte ihr Inhalt, wenn man den Rednern des Exekutivausschusses glauben darf, auch wirklich eingeleuchtet. Erst sehr spät war die Parteiführung aufmerksam geworden. Um so mehr hatte sie sich dann beeilt, den Ketzer vors Gericht zu bringen. Sogar einige der Richter bekannten, daß sie selbst irregeführt worden seien. Der Ketzer widerrief und wurde bestraft. Und seither laufen seine früheren Freunde wie seine Gegner im Land umher und organisieren spontane Kundgebungen, auf denen der einst so gewaltige Djilas verdammt wird.

Die Anklagerede vor dem Komitee hielt Tito selbst. Auch er begann mit einem reumütigen Bekenntnis. Er habe mit Djilas über dessen Artikel gesprochen, habe einige seiner Gedanken für richtig befunden, andere nicht gebilligt, aber jedenfalls gesagt: „Schreib weiter!“ Tito gab auch zu, daß er selbst, zum Hauptpunkt der Djilas‘schen Heresie vorher schon-ähnliche Äußerungen gemacht habe. Dieser Hauptpunkt ist folgender: Djilas hatte in seinen Artikeln Karl Marx beim Wort genommen. Karl Marx spricht von der Diktatur des Proletariats als einer vorübergehenden Erscheinung, der mit der Verwirklichung des Sozialismus das Absterben des Staates – des Machtapparates – folge. Das ist an sich eine naive und undurchdachte Behauptung, aber jedes kommunistische Regime muß an ihr festhalten, weil sie die einzige Rechtfertigung für die Greuel der Revolution und der kommunistischen Machtausübung wie für die furchtbaren Opfer ist, welche die Unzulänglichkeit des kommunistischen Wirtschaftssystems der Bevölkerung auferlegt. Djilas aber, der wohl wußte, daß an jener marxistischen Phrase niemand rütteln kann, nahm sie seinerseits ernst – oder tat wenigstens so – und sagte: Der Sozialismus ist bei uns verwirklicht, die Produktionsmittel sind sozialisiert, also ist es an der Zeit, daß der Machtapparat abstirbt. Der Machtapparat der Revolution und der Diktatur des Proletariats (die freilich in Wirklichkeit nichts als die Diktatur über das Proletariat ist) ist die Partei, die den Staat beherrscht. So verlangte Djilas, die Partei müsse absterben und die Demokratie hergestellt werden. Und da er sich auf die zwar widerlegbare, längst aber zum Dogma erhobene marxistische Formel berief, fand er auch bei vielen Kommunisten, selbst im Zentralkomitee, Zustimmung, bis ihnen von der Parteiführung begreiflich gemacht wurde, daß die Djilas’schen Forderungen ihre eigenen Machtpositionen in Frage stellen.

Genau das machte aber auch wieder die Schwierigkeit aus, mit der Tito in seiner Anklagerede fertig werden mußte. „Ich habe selbst“, sagte er, „als erster vom Absterben der Partei gesprochen, aber ich habe nicht gesagt, daß das innerhalb von sechs Monaten oder innerhalb von ein, zwei Jahren geschehen soll, sondern daß es ein langdauernder Prozeß sei. Bevor nicht der letzte Klassenfeind beseitigt ist, bevor nicht das sozialistische Bewußtsein die breitesten Massen unserer Bürger ergriffen hat, kann es kein Absterben und keine Liquidation der Kommunistischen Partei geben...“ Tito behandelte seinen alten Freund Djilas, den er wiederholt mit seinem Kosenamen Djido anredete, als einen dummen kleinen Sozialdemokraten und Reformisten und warf ihm vor, daß er sich für die Demokratie um jeden Preis, also auch auf Kosten des Sozialismus einsetze, wobei Tito anscheinend nicht bemerkte, daß seine eigene Argumentation ganz und gar aus der Küche des Stalinismus stammt, gegen den, er sonst in den letzten fünf Jahren so wortreich gekämpft hat. Er war in derselben Zwangslage wie Lenin, als er die Thesen von Marx, und wie Stalin, als er die Thesen von Lenin „interpretierte“, das heißt abänderte. Denn würde Tito seine Partei absterben lassen, dann würde der Staat weiterleben und einer anderen Minorität zufallen, welche die Kommunisten für ihre Greuel bestrafen würde.

Dasselbe Mißgeschick passierte Tito, als er die Vorwürfe Djilas’ gegen den kommunistischen Bürokratismus abwehrte. Er sagte: Was Djilas als Bürokratismus bezeichnet, das ist die schwere und aufreibende tägliche Arbeit, durch die der Sozialismus verwirklicht wird und die daher die sozialistische Realität in Jugoslawien repräsentiert. Außerdem sei der Bürokratismus in den letzten Jahren bereits gemildert worden. Ist dies nicht aber für die Auseinandersetzung ganz bedeutungslos? Soziologisch gesehen ist das jugoslawische kommunistische System – wie das sowjetische – ganz wesentlich eine bewaffnete Bürokratie, die nicht dadurch etwas anderes wird, daß sie vielleicht seit einiger Zeit weniger „bürokratisch“, das heißt weniger schwerfällig arbeitet. Auch dieses Argument Titos über die Bürokratie ist stalinistisch, so wie jedes Argument, das darauf hinzieht, die Macht des kommunistischen Funktionärkörpers zu verewigen und die Früchte der Revolution, von denen man vorher geredet hat, in eine ferne Zukunft zu verbannen.

Den „falschen Marxismus“, der in der Sowjetunion herrscht, haben seit dem Bruch mit Moskau die jugoslawischen Kommunisten fortwährend angeprangert. Im Augenblick der Krise aber nimmt ‚Tito selbst die stalinistischen Argumente wieder auf: offenbar gibt es keine anderen, um sich an der Macht zu halten, es seien denn die Aktionen der Staatspolizei, die Tito jetzt auch richtig wieder mobil gemacht hat. Welcher Unterschied besteht eigentlich noch zwischen Stalinismus und Titoismus?

Zur Klärung dieser Frage haben all die Anklagereden vor dem Exekutivausschuß nicht beigetragen. Sie haben aber eines sehr deutlich gezeigt –: daß zwischen den Intellektuellen und den durch die Revolution in die politische Oberschicht gelangten Raufbolden des Bürgerkrieges ein schwerer Konflikt besteht. So mancher Redner begann mit dem ironischen Hinweis, daß er natürlich „nicht so ein feiner Philosoph“ sei wie vielleicht Djilas oder Dedijer. Und es ist keine Frage, daß die Sieger in der ganzen Auseinandersetzung jene kleinen, primitiven Bolschewiken sind, die zwischen Titoismus und Stalinismus nicht viel Unterschied machen, wenn sie nicht sogar dem letzten zuneigen, weil sie nun einmal den Westen hassen. Ihnen zuliebe hat Tito ein paar Tage nach der Sitzung sehr freundliche Worte an den Ostblock gerichtet; und sie sind es, die das Moskauer Kominformbüro im Auge hatte, als es am 30. Januar plötzlich an Jugoslawien einen Aufruf erließ, in den Schoß der kommunistischen Einigkeit zurückzukehren.

So ist Titos Situation im eigenen Land ebenso wie in seiner labilen Position zwischen Ost und West noch heikler geworden. Die gleiche Problematik liegt über seiner Außenpolitik und seiner Innenpolitik. Tito steht zwischen zwei Gruppen der kommunistischen Elite, die den Kampf gegeneinander eröffnet haben. Und er kann sich nicht an das Volk wenden, das abseits bleibt und in der Tiefe seiner Seele beide Gruppen haßt. H. A.