s., Wiesbaden

Die in den letzten vier Jahren von den hessischen Kultusministern Dr. Stein (CDU) und Ludwig Metzger (SPD) jeweils einige Monate vor Ostern verkündeten „Sextaner-Erlasse“ hatten zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Schulbehörde und Elternschaft geführt. Vor einigen Tagen hat nun der im Dezember 1953 in sein Amt eingesetzte neue Kultusminister Arno Hennig (SPD) Friedensvorschläge gemacht.

Bisher konnten in Hessen nur die Schüler in die Sexta aufgenommen werden, die bei der Aufnahmeprüfung die Durchschnittszensur 2,5 erreichten. Künftig genügt die allgemeine Überzeugung der Prüfungskommission, daß der Schüler „seiner Begabung nach den Anforderungen der höheren Schule genügen werde“. Genügt er nicht, so kann er aus der Sexta wieder in die Volksschule zurückversetzt werden. Nicht bestandene Prüfungen können ein Jahr später wiederholt werden. Die radikale Forderung einiger Elternbeiräte, die Prüfungen ganz fallen zu lassen, fand allerdings nicht die Gegenliebe des Kultusministers.

Hessen hatte 1949 die vollkommene Schulgeldfreiheit eingeführt. Der Andrang zu den höheren und den Hochschulen drohte, diese Bildungsstätten auf das Niveau der Einheitsschule östlicher Prägung zu drücken. Dieser Entwicklung kann nur durch sorgfältige Begabtenauslese gesteuert werden. Wird der von Minister Hennig angestrebte Kompromiß diesem Ziel genügen? Oder wollte er vielleicht nur den lieben Frieden mit den Elternbeiräten bis zu den kommenden Landtagswahlen herstellen?