Jede turnusmäßige Sitzung des Zentralbankrats kann eine Diskontsenkung bringen. Schon vor der letzten Sitzung am 20. Januar liefen Gerüchte um, daß man den Diskontsatz von 3 1/2 v. H. auf 3. v. H. senken würde. Ja, man nahm eine mögliche Tatsache vorweg: Die Banken zogen den Debitor dem Wechselschuldner vor, und die Wirtschaft hielt mit ihrem Wechselmaterial zurück, um nach einer Diskontsenkung vielleicht billiger davonzukommen.

Was hat die Gerüchte ausgelöst? Da nach der üblichen Anspannung zum Jahresultimo der Geldmarkt flüssig war und ist, da die Verflüssigungstendenzen aus dem Auslandsgeschäft wohl anhalten werden, und da weiter eine Verflüssigung aus der Auflösung der im Zentralbanksystem liegenden Steuergelder des Bundes möglich ist, wird man wohl konstatieren dürfen, daß der Geldmarkt flüssig bleibt.

Nun, der Geldmarktsatz richtet sich nach Angebot und Nachfrage, während der Diskontsatz der Bank deutscher Länder autonom nach währungs- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten festgesetzt wird. Sollte die BdL wirklich mit dem Gedanken spielen, beim Diskont um ein weiteres halbes Prozent herunterzugehen, so wird sie eben nicht den „Geldmarktsatz konstatieren“, wie oft angenommen wird; vielmehr hat sie ein bestimmtes währungspolitisches und kapitalmarktpolitisches Interesse im Auge: Je billiger das Geld (im Rahmen einer gesunden Währungspolitik), um so eher läßt sich der Kapitalmarktzinsfuß nach unten beeinflussen.

Die BdL am Kapitalmarkt? Der gegenwärtige Kapitalmarktzinssatz, der auf etwa 8 v. H. zu veranschlagen ist, wird billiger werden müssen, soll die = Nachfrage nach Kapital angeregt werden. Bei der jetzigen wirtschaftspolitischen Zielsetzung (nämlich: die Mengenkonjunktur beizubehalten, in der die Wirtschaft nicht übermäßig verdient und folglich ihre Möglichkeiten zur Selbstfinanzierung eingeschränkt sind) sollte Fremdkapital billiger werden, da gerade in der Mengenkonjunktur der Kapitalbedarf (weniger zur Kapazitätsausweitung, als vielmehr zu Rationalisierungsinvestitionen) nicht geringer wird. Wenn man sich also schlüssig ist, daß die Wirtschaft des Fremdkapitals bedarf, so bleiben zwei Möglichkeiten, ihr diese Mittel zu beschaffen: Der Weg über die Aktie und der Weg über die Obligation. Wie die Dinge liegen, ist gegenwärtig über die Aktie nicht allzuviel zu erhoffen, da die Kontroverse Bundeswirtschaftsminister–Bundesfinanzminister bisher kein positives Ergebnis gebracht hat. Nur über die Industrieobligation läßt sich gegenwärtig eine Starthilfe geben.

Doch die Obligation kostet dem Emittenten heute durchweg 8 v.H. und mehr. Und wenn der Emittent sich dazu noch für 15 Jahre (durchschnittlich) auf einen solchen Satz verpflichten muß, dann ist er vorsichtig: Der Satz ist hoch; die Laufzeit – nicht für klassische Zeiten, aber doch für heute – relativ lang. Bei allem Wunsch nach Fremdkapital ist (nicht zu. Unrecht) die Nachfrage vorsichtig. Umgekehrt zeigen die schnellen Überzeichnungen, daß anlagewilliges Kapital wohl vorhanden ist.

Hinzu kommt ein Gedanke, der nicht nur in Deutschland diskutiert wird. „The Statist“ sagt: „Die treibende Kraft der deutschen industriellen Ausweitung ist die Notwendigkeit, den Überschuß in der Zahlungsbilanz zumindest aufrechtzuerhalten ... um allen Zahlungsverpflichtungen aus dem Londoner Schuldenabkommen nachkommen und Abmachungen treffen zu können, um jene Forderungen zu begleichen, die nicht unter das Londoner Schuldenabkommen fallen. Dies jedoch schließt die Investierung bedeutender Kapitalien für die Ausdehnung, Modernisierung und Rationalisierung der Produktion ein... Die Entwicklung der Industrie und der Bau von Häusern kann aber mit deutschen Spargeldern allein nicht schnell genug finanziert werden ... Um die industrielle Entwicklung zu beschleunigen, muß in großem Umfang Investitionskapital aus anderen Ländern herangezogen werden ...“ Hier klingt der ohne Zweifel richtige Gedanke an, daß der deutsche Kapitalmarkt nachhaltig nur gesunden kann, wenn sich auch das Ausland mit Kapital für die Bundesrepublik interessiert, wenn also das Kapitalangebot nicht nur auf die Bundesrepublik selbst beschränkt ist.

Das Ausland interessiert sich schon für Anlagen in der Bundesrepublik. Doch wählt der Ausländer vielfach den Umweg über die Sperrmark, die er heute zu 80 v. H. kaufen kann; denn der Investor geht neben der Sicherheitsfrage – und das ist sein gutes Recht – nach der höchsten Verzinsung. Da ihm zwei deutsche Währungen zur Verfügung stehen, die „echte“ DM und die Sperrmark, sucht er sich den billigeren Weg.