Von Eberhard P. Michalek

Oglaubt einem Chinesen, glaubt ihm aufs Wort, glaubt ihm jedes Wort, doch –: nehmt ihn nicht wörtlich! Ein junger Chinese, der in Amerika studierte, wollte sich bei seinem Professor wegen seiner Unwissenheit entschuldigen. Ihm waren die Redewendungen seiner Heimat geläufiger als die englische Ausdrucksweise, und daher schrieb er: „Verzeihen Sie mir, mein Herr, daß ich weder die Höhe des Himmels noch die Dicke der Erde kenne.“ Der Professor aber nahm seinen Studenten wörtlich und schrieb zurück: „Moi non plus!“ Die Kürze dieses Satzes wird nur noch durch seine Torheit übertroffen.

Die Chinesen nannten ihr Land gerne „chungkuo – Reich der Mitte“, was ihnen, obwohl sie’s (wenigstens ursprünglich) gar nicht so gemeint hatten, als geographische und politische Anmaßung ausgelegt wurde. Was erst würden die Moi-nonplus-Schreiber zu „Reich des Himmels“ sagen? Aber China ist das Reich des Himmels: der Himmel (wenn auch nicht mehr der „Himmelssohn“, der Kaiser) regiert dort alles und jeden. T’ien, wie’s auf chinesisch heißt, ist Gott; t’ien ist auch das, was die Physiker für eine Mischung aus Wolken und Weltall halten, wozu aber Kinder, Dichter und Verliebte sagen: „Sieh, der Himmel!“; und t’ien ist endlich die beliebteste chinesische Metapher: man hört dort wohl hundertmal am Tage dieses „... hoch wie der Himmel“, ob nun die Größe eines Mannes oder ein milder Vorwurf der Unwissenheit damit gemeint ist.

T’ien: ist das nun Gott oder der sichtbare Himmel oder eine Redensart – oder alles drei zugleich?

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„P/ost Neujahr!“ sagten in der Nacht zum Mittwoch einige Chinesen zum Entzücken ihrer deutschen Freunde und zum Erstaunen anderer Menschen. Und diesen Glückwunsch durfte man wörtlich nehmen, obwohl er in der ersten Sekunde des 3. Februar erklang, an einem, sozusagen recht ordinären Alltag. Warum am 3. Februar? – das zeigt:

Juliet Brendons und Igor Mitrophanows Buch „Das Mondjahr“ – Chinesische Sitten, Bräuche und Feste. Paul Zsolnay Verlag, Wien. 527 Seiten mit 25 Abbildungen. DM 18,–.