Ortsbestimmung der Gegenwart“, so heißt das außerordentliche Buch, in dem Alexander Rüstow die Spannung von Macht und Freiheit von der Urzeit her beschreibt. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte der Titel gelautet: „Weltgeschichte der Freiheit“ (oder so ähnlich). Denn damals trennte man Geschichte und Gegenwart säuberlich. Jene war „Wissenschaft“, diese „Leben“. Man hatte fast vergessen, daß alle Beschäftigung mit der Geschichte steril bleiben muß, wenn sie nicht eben der „Ortsbestimmung der Gegenwart“ dient. Oswald Spengler hatte es nicht vergessen, und darum faszinierte er so viele, die sich von der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung der Jahre um 1918 im Stich gelassen fühlten. Sie stießen sich nicht an der ungeheuren Menge von Daten, die Spengler vor ihren staunenden Augen ausbreitete und zu einem bestürzenden Bild zusammensetzte. Er rührte an jene Unruhe in jedem Leser, die sich in der simplen Frage ausdrückt: Wo stehen wir?

Das Problematische an dieser Frage ist jedoch nicht nur der Standort, das Wo, sondern vor allem auch das Wir. Wen umfaßt es? Spengler war da noch ganz naiv ein Europäer des vorigen Jahrhunderts: „Wir“ – das waren die Europäer. „Der Untergang des Abendlandes“ konnte sein Buch nur heißen, weil er ganz unbefangen die Kultur, der er selber angehörte, als die einzig erhebliche der letzten tausend Jahre ansah, als die einzige, die am typischen Schicksal des Blühens und Erstarrens teilnahm. Der Gott der Geschichte, der bei ihm „Schicksal“ hieß, hatte sich für das zwanzigste Jahrhundert das „Abendland“ als Schauplatz der Vollstreckung seiner ewigen Sprüche auserwählt, und die außereuropäischen Kulturen der Gegenwart waren nichts als die gestaltlosen Werkzeuge der Vollstreckung, So meinte Spengler.

Wie unbekannt trotz aller Geschichtswissenschaft uns Abendländern im Grunde diese unsere eigene Welt noch ist, wie sehr selbst die universalsten Geister in ihrem Begriff von Europa als geschichtlicher Einheit auf schnellen Simplifikationen fußen – das läßt sich an dem neuen Werk des leidenschaftlichsten, belesensten, verwegensten und bestrickendsten unter den heutigen Geschichtsdenkern deutscher Sprache erkennen: des Österreichers Friedrich Heer. Der noch nicht Vierzigjährige ist von einem wahren Furor der Erkenntnis und der Mitteilung von Erkenntnissen besessen. Seine Europäische Geistesgeschichte (wie sein voriges großes Buch „Die Tragödie des heiligen Reiches“, im W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart) breitet eine solche Fülle von Porträts, plastischen Zustandsschilderungen, berückenden Perspektiven und frappanten Urteilen vor dem atemlos folgenden Leser aus, daß dieser, wenn er zugleich Besprecher ist, an seiner Aufgabe verzweifeln möchte. Selbst wer Heer an Kennerschaft der Quellen und der historischen Literatur gleichkäme (gibt es einen?), müßte auf eine Kritik mindestens so viel Zeit verwenden, wie der Autor für die Niederschrift seiner 727 Seiten gebraucht hat. Aber es ist erwünscht, daß von seinem Buch so bald wie möglich alle diejenigen erfahren, denen an einer „Ortsbestimmung“ der europäischen Gegenwart gelegen ist, und darum ist eine ganz vorläufige Anzeige besser als Warten auf die Stunde, da kompetentere Kritiker erscheinen könnten denn auch alle kompetente Kritik wird (soweit fühlt sich der Verfasser dieser Zeilen selbst kompetent) nichts an der aufrüttelnden, reinigenden und ermutigenden Funktion ändern können, die dem Werk Heers zugemessen ist und von jeder Seite auf den mitdenkenden Leser ausstrahlt. Daß dieser Leser sich bei der Lektüre an Wissen als Waisenknabe fühlen muß, was verschlug’s bei Spengler und Toynbee? Auf die Leidenschaft kommt es an, auf die intellektuelle Rechtschaffenheit, auf das Sehenkönnen, auf die therapeutische Kraft des echten Historikers, der ein „rückwärts gewandter Prophet“ ist.

Also ganz kurz: Was ist unser Europa? Nicht ein auserwählter Hort ewiger Werte, sondern ein immer schon bedrohtes, äußerst labiles und leicht umschlagendes Gleichgewicht von Kräften, die in der Tat nirgendwo anders so schicksalhaft gegeneinander gestanden haben. Nicht der Raum der Freiheit, der sich gegen die Despotie abgrenzt, sondern ganz im Gegenteil für die tausend Jahre bis 1789 das Gebiet einer Herrschaftskultur, die an der Sklaverei keinen Anstoß nahm, weil sie schon selbst auf der Unfreiheit des „niederständischen Volkes“ ruhte, das in einer kaum je abreißenden Kette von Bauernaufständen und Protesten das Fundament zum Einsturz zu bringen suchte. Warum sah man in Byzanz die Kreuzzüge, auch die gegen die Slawen und die Ketzer, als „Barbarei“ an? Weil es auch eine ganz andere, nicht herrschaftliche, durchorganisierte Form der Christlichkeit, eben die „östliche“, gibt. Die Gleichung „Christenheit“ und „Europa“, ist also nur sehr bedingt gültig.

Trotzdem: Europas Abgrenzung von Byzanz und dessen Nachfolgerin Rußland war notwendig, weil nur seine Herrschaftskultur die Mittel zur Abwehr der „ganz anderen“ (der Ungarn, der Normannen, der Sarazenen) fand. Die Rationalität als Verteidigungswaffe, der Geist als Gegenmacht – das will gesehen werden, sonst wird die Gegenwart verfehlt.

Was Heer „Geistesgeschichte“ nennt, ist also nicht eine Betrachtung des „geistigen“ Überbaus über einer politischen und sozialen Mechanik, sondem eben die Betrachtung des Nervs, der auch diese Mechanik treibt. Das heißt aber: da der Bau der Gesellschaften sich niemals nach den Erfordernissen des aufgeklärten Geistes hat richten wollen, sondern immer bald vom Heiligen, bald vom Dämonischen durchweht und ein Kampfplatz beider war, auf dem Menschenopfer fielen, so ist es – dies Heers letztes Wort – an der Zeit, die Überforderung des menschlichen Geistes zu bremsen und die ersten wie die letzten Möglichkeiten wieder dem „Geist, der weht, wo er will“, anheimzugeben. Ohne aber doch auf irgend etwas zu verzichten, was der europäische Geist hervorgebracht hat.

Das wäre das Erbe, das Europa in die „Eine Welt“ einzubringen hätte. cel