b. l., Hannover

Die Kriegerwitwe Hedwig Gödicke in dem kleinen Dorf Linden bei Wolfenbüttel, hart an der Zonengrenze, hat am Donnerstag von Sozialminister Albertz eine Wohnung bekommen. Es war die 200 000., die seit der Währungsreform in Niedersachsen errichtet wurde. Mit Tränen in den Augen empfing sie neben dem Schlüssel auch einen Briefumschlag mit 500 DM aus den Händen des Ministers. Frau Gödickes Mann ist in Stalingrad geblieben. Sie hat noch drei Jungen mit zu versorgen.

Minister Albertz wies im Rahmen einer kleinen Feier darauf hin, daß in Niedersachsen durch den Krieg 175 000 Wohnungen zerstört wurden. 200 000 wurden neu gebaut, rund 70 v. H. mit Landesbaudarlehen. Trotzdem besteht noch ein Fehlbestand von 550 bis 600 000 Wohnungen, weil die Bevölkerung des Landes, eines der Hauptflüchtlingsländer, seit 1945 um rund 2,25 Mill. auf 6,8 Mill. angestiegen ist und täglich weiter ansteigt, zumal der „Ülzener Schlüssel“ von 1949 revidiert und Niedersachsen künftig 5,2 v.H. gegenüber seither 3,7 v.H. der Flüchtlinge aufnehmen soll. Wenn in der bisherigen Stärke weitergebaut wird, so kann man erst in etwa 15 Jahren mit der völligen Deckung des Bedarfs an Wohnungen rechnen.

Diesem Plan steht aber ein Alarmruf der Lehrer des Landes entgegen, die neuerdings wieder auf die immer noch katastrophale Schulraumnot aufmerksam machen. Nach einer Darstellung des Philologenverbandes hat Nordrhein-Westfalen, das dreimal soviel Höhere Schulen hat wie Niedersachsen, nur noch neun „Mammutschulen“ mit über 1000 Kindern, während es allein in der Landeshauptstadt Hannover noch acht solcher Riesenschulen gibt. In manchen Städten kann der Schulraumbedarf nur zu 50 H. erfüllt werden. Vielfach sind die Schulgebäude mit zwei Schulen von 1500 bis 2000 Schülern von früh bis spät belegt, so daß die Unterrichtsstunden häufig auf 40, sogar auf 35 Minuten verkürzt werden müssen. Unter diesen Umständen leiden natürlich die hygienischen Verhältnisse in diesen Schulgebäuden außerordentlich. Der Philologenverband weist darauf hin, daß, wenn nicht sehr rasch Abhilfe geschaffen werde, den Schülern durch diesen verkürzten Unterricht in den Höheren Schulen in den neun Jahren ein ganzes Schuljahr verlorengehe und daß damit natürlich auch die Ausbildung der Schüler empfindliche Lücken aufzeige. Er fordert: „Das Schulhaus darf nicht weniger pfleglich behandelt werden als das Kaufhaus, die Vergnügungsstätte und das Verwaltungsgebäude.“