Stuttgart, im Februar

Des Sophokles„Oedipus auf Kolonos“ ist in Stuttgart in einer bemerkenswerten Aufführung des Württembergischen Staatstheaters herausgekommen. Die gelegentliche Erprobung antiker Dramatik mag nicht immer ein Gewinn sein. Hier war sie es, und es erschien als ein Wunder, daß über Jahrtausende hin ein hohes Werk der Dichtung erschüttern konnte – fast wie am ersten Tag.

Der König ohne Land, bis zuletzt, bettlergleich, unter seiner Schuld leidend, doch sein Schicksal bejahend, bedroht, geängstigt und in seiner Würde gekränkt – nicht den Mythos, aber das Sinnbild verstehen wir mitsamt der endlichen Apotheose, der Entrückung in den befreienden Tod. Sophokles hat diese Tragödie im höchsten Alter gedichtet. Wir vermeinen dies wohl zu spüren in der Art, wie der König, vor äußerem Leide behütet, Gewalt, die ihm droht, von einem gerechten König abwehrt. Er durchschaut die Finsternis der Macht, und die Verfluchung des eigenen Sohnes, der ihn um der Machtgewinnung willen versöhnen will, erscheint uns nicht nur in der Erfüllung des mythischen Schicksals gerecht, sondern psychologisch verständlich. Dieser Ausdruck der Weisheit beendet den Prozeß des Wachstums des Königs vor unseren Augen während der Handlung und leitet über zu dem Wunder seiner irdischen Vollendung.

Es war Sophokles, es war der Dichter, der in dieser Aufführung siegte, welcher die Nachdichtung und Bühnenfassung Rudolf Bayrs, eines jungen österreichischen Dichters, zugrunde lag, die sich vor Jahren schon in der Wiener Burg bewährt hatte. Eine originale Arbeit nur insofern, als sie weder dem Urtext wortgetreu folgte noch die Fesseln der Metren gelten ließ, weich in den lyrischen Partien, während der Stil im ganzen gewahrt blieb. So auch in der durchgearbeiteten Regie Kurt Hübners. Sophokles vertrug eine Inszenierung, die den Gehalt des Stückes ausschöpfte, indem sie sich werkgetreu verhielt und die dramatische Aktion akzentuierte. Jede Bewegungsmöglichkeit war ausgenutzt, oft bis zu äußerster Heftigkeit. Es gab keinen statuarischen Chor, sondern auch er war in die Aktion einbezogen, trat nicht „chorisch“ auf. In solcher Konsequenz ließ sich Größe gewinnen, wenn auch Raoul Aslan, der sehr gefeierte Träger der Titelrolle, wahrscheinlich in einer „archaischen“ Inszenierung – in der der Chor oratorisch das Pathos verstärkt hätte – noch mehr zur Geltung gekommen wäre als im Ensemblespiel, das ihm Dämpfung des Pathos auferlegte.

Doch steht das kaum zur Debatte angesichts einer Inszenierung, die nichts von der Wirkung verbaute, die vor über 2000 Jahren Athen so betraf wie heute Stuttgart. Einer sollte sich aber das Verdienst erwerben, für das antike Drama einen des Urbilds würdigen und auf lange verbindlichen Text zu schaffen, der seiner szenischen Darstellung eine Tradition schüfe. Denn die Menschen haben sich nur wenig geändert. Athen und Sparta sind in ihrer Seele noch mächtig wie ehedem. Oskar Jancke