In der Groß-Gasversorgung des Industriegebietes ist Alarmstimmung: Abschaltungen und starke Kontingentierungen der Gasdarbietung haben zahlreiche industrielle Verbraucher bereits schwer getroffen. Einige Werke, so unter anderen die Eisenwerke Wanheim, melden Arbeitseinstellungen bis zu drei Tagen in der Woche, da nicht genügend Gas zur Beheizung der Öfen und Anlagen vorhanden ist. Die Kältewelle hat den städtischen und privaten Hausverbrauch an Gas unwahrscheinlich anklettern lassen. In einigen Versorgungsgebieten hat sich der Absatz verzehnfacht, so daß die durch die Kokssituation hart bedrängte Gasproduktion in neue, nicht vorauszusehende Schwierigkeiten geraten ist.

Verständlich, daß im Revier ein harter Meinungsstreit über die „Schuld“ an dieser Entwicklung ausgebrochen ist. Dabei vertreten Kohle und Eisen sehr unterschiedliche Auffassungen. Nicht zu bestreiten ist aber die Tatsache, daß im vergangenen Jahr die Eisenindustrie vom Bergbau eine schnelle Erhöhung der täglichen Kokserzeugung um etwa 10 000 t auf 107 000 t gefordert hat. Wenig später trat eine scharfe Baisse in Eisen ein, und die Koksabrufe lagen per Saldo um einige Mill. t niedriger als vorangekündigt. Zur Stunde sind etwa 3,5 Mill. t Koks auf Halde. Dr. Springorum (GBAG), Vorsitzer des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, schätzt, daß diese Halden eine Belastung von etwa 250 Mill. DM für den Kohlenbergbau ausmachen.

Die Kalamität zwischen Stahlproduktion, Koksverbrauch und Gaserzeugung ist eine der empfindlichen unmittelbaren Folgen der alliierten Entflechtungspolitik. Trotz aller Anstrengungen können die Schäden des zerrissenen Großverbundes nicht in wenigen Jahren behoben werden. Es darf aber gesagt werden, daß der Bergbau bereits recht umfangreiche Arbeiten auf diesem Gebiete geleistet hat, daß gewisse Bauten und Umorganisationen im Zuge der nächsten Monate anlaufen und mit Sicherheit im nächsten Jahr voll wirksam werden dürften. Auf diesem Gebiet hat der Bergbau, in kluger Vorausschau gehandelt.

Aber das Zusammentreffen einer neunmonatigen Eisenbaisse und der Rekord-Kokshalden am Ende dieser Flaute mit einer ungewöhnlichen Kälteperiode und einem außerplanmäßigen Gasverbrauch der Bevölkerung hat alle Berechnungen über den Haufen geworfen und den Engpaß Gas erneut in die vordere Linie der Gespräche der Ruhrindustrie und der Teilnehmer der Gasfernversorgung im Räume Holland-Westfalen-Hessen gerückt.

Wie wir hören, sind zur Zeit neue Überlegungen über eine finanzielle Unterstützung des Bergbaues im Gange, der im Interesse der Sicherung der städtischen Gasversorgung weit mehr Kohle verkokt (und den Koks auf Halde schütten muß) als es an sich die Koks-Absatzlage verlangt. Rlt.