Von Heinz Hell

Ein Exil-Berliner, der lange im Ausland lebte und heute nach dem Zusammenbruch die Stadt seiner Träume zum erstenmal wieder besucht, ist gerührt und enttäuscht zugleich. Er wandelt durch die Viertel des zertrümmerten Einst, er vergleicht den Wiederaufbau mit dem im Westen, woher er gekommen, und muß feststellen, daß eigentlich wenig getan wurde seit 1945, wenig, um das Bild seiner Erinnerungen zu wecken. Kurfürstendamm, Tauentzienstraße, Bayrischer Platz, nun ja, einiges ist neu erstanden, im großen ganzen jedoch, welche Kluft zwischen Realität und Wunschtraum, wie er sich in den neuen Prospekten ankündigt: „Der Kurfürstendamm ist von jenem weltstädtischen Leben umbrandet, dem sich niemand entziehen kann.“

Zur Zeit gilt im westlichen Zentrum immer noch, was vor nahezu zehn Jahren der unverwüstliche Berliner Humor – das einzig Unverwüstliche auch in trübsten Jahren – behauptete, daß Berlin eine Stadt der Warenhäuser sei: rechts und links waren Häuser! Und darum ist es nicht ganz verständlich, wenn die Berlin-Propaganda allzusehr auf unsere in den Stürmen des Lebens verhärtete Empfindsamkeit spekuliert, statt mit Nachdruck auf das hinzuweisen, was an wirklich Großem zum allgemeinen Wohl geleistet wurde und was sich getrost mit den Städten des Westens messen kann, ja, sie womöglich noch übertrifft. Wir meinen damit die neue Stadtplanung. Der eilige Besucher Berlins spürt kaum etwas davon, weil ihr Schauplatz die Peripherie ist, besonders jene sich allmählich im flachen Land verlierenden Außenviertel zwischen Lankwitz und dem Wedding die heute schon ein gut Teil Westberliner beherbergen in Wohnungen, die in nichts mehr an das alte „Miljöh“ von Zille erinnern.

Der Berliner Senat für Bau- und Wohnungswesen veranstaltet während der Dauer der Viererkonferenz Rundfahrten in komfortablen Omnibussen, an denen jeder Fremde unentgeltlich teilnehmen darf. Diese Fahrten unterrichten über Architektur und neue Planung. Sie sind das instruktivste Erlebnis, weil diese neue Berliner Wirklichkeit alle stark beeindruckt, die bisher nur das Viertel um die Gedächtniskirche herum kannten. Weiter draußen haftet der Blick plötzlich nicht mehr an Brandmauern und Ruinen, er darf frei ins Weite schweifen, wo in neuer Schönheit ein neues Berlin sich wohlig in der Sonne dehnt. Das beginnt schon in Wilmersdorf und setzt sich fort in Schöneberg, Charlottenburg, Steglitz, wo während der Kriegsjahre streckenweise die Bomben keinen Stein auf dem anderen gelassen hatten. Millionen Kubikmeter Schutt bedeckten das flache, wüste Gelände, durch das sich nur wenige einigermaßen intakt gebliebene Straßen zogen. Der Fachmann, den man uns auf der Rundfahrt beigegeben hat, versteht sein Handwerk als Cicerone. Er dirigiert den Fahrer an die wichtigsten Punkte und steigert seine Erklärungen mit dem Pathos eines versierten Fußballkommentators. Wir sind ein Dutzend Frauen und Männer: Italiener, Skandinavier, Amerikaner, Südafrikaner und ein Herr aus Indonesien, der gewissenhaft alles aufnotiert, was teils englisch, teils deutsch vorgetragen wird.

Berlin plant für die Zukunft. Die neuen Stoßen sind großzügig den veränderten Verkehrsbedingungen angepaßt oder, wo noch Reste von einst stehen, nachträglich verbreitert worden. Wo Lücken klafften, wurden sie ausgefüllt durch neue Häuser, die das Gesamtbild in keinem Falle stören, jedoch in ihrer Bauart die moderne Technik verraten. Am interessantesten sind jene völlig neuen Viertel, die keine Hinterhäuser und keine lichtlosen Hinterhöfe mehr kennen, sondern der Sonne ungehindert Zutritt gestatten. Keine Wohnung ist ohne Bad, Gärten und Kinderspielplätze davor sind selbstverständlicher Zubehör. Dem Individualismus wurde innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks weitgehend freie Hand gelassen. Es gibt Straßenzüge, darin jedes Haus in einer anderen Farbe gehalten ist, es gibt Flachbauten und solche mit Schieferdächern, kleine Einfamilienvillen und Wohnblocks, die aus privater Initiative entstanden sind, indem sich mehrere Terrainbesitzer zusammentaten zu gemeinsamem Bauen. Es gibt auch vereinzelt Hochhäuser bis zu zehn Stockwerken, doch nur an Stellen, die genügend Raum und Luft lassen für eine bepflanzte Umgebung. Vor allem aber gibt es zahllose, öffentliche Parks mit Teichen und kleinen Seen, die künstlich geschaffen wurden und die den Reiz dieser neuen Vorstädte noch ansprechender machen. Und dann gibt es sogar etwas, was im Weichbild des einstigen Berlin nicht vorhanden war, wenn man von jenem Hügel, Kreuzberg genannt, absieht, den auch der Berliner kaum als solchen erkannte. Heute ragen überall inmitten des neuen Berlin imponierende Berge auf, mit Anlagen versehen, mit Promenaden, Bänken und Restaurants. Ihr Kern besteht aus dem Schutt und den Trümmern des zerstörten Berlin, die hier aufgehäuft, mit Humuserde bedeckt und bepflanzt Wurden. So in Steglitz der Fichteberg, so ein weiterer am Friedrich-Karl-Platz in Charlottenburg, im Süden von Schöneberg und am Lochowdamm in Wilmersdorf, wo man allein fast eine Million Kubikmeter Schutt zusammentrug und gleich nebenan noch ein riesiges Sportstadion dazu errichtete. Den Insulanerberg von Schöneberg hat der Berliner auf „Mont Klamott“ getauft, weil er eben aus alten Klamotten besteht. Von seiner Höhe aus genießen wir einen Rundblick bis tief in den Ostsektor hinein. Hier oben erkennt man am besten Zweck und Sinn dieser großzügigen Planung, nämlich um ganz Berlin einen breiten Grüngürtel zu legen, in welchen die Häuser gebettet sind. Neue Lungen der Großstadt, wie sie in Gestalt des Grunewald, der Jungfernheide, der Rehberge und des neu geschaffenen Tiergartens bereits existierten. Berlin wird in wenigen Jahren zu einer Gartenstadt besonderen Ranges erwachsen.

Über Tempelhof, den Flughafen mit dem Luftbrückendenkmal am Eingang, gelangen wir zum Halleschen Tor und die Lindenstraße hinab ins ehemalige Zeitungsviertel. Welch ein Kontrast zur eben geschauten Harmonie! Stärker noch als am Kurfürstendamm wirkt hier das Werk höllischer Zerstörung. Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate, „Die ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung fahren“, zitiert der Italiener neben mir Dante. Wir atmen befreit auf, als wir vom Potsdamer Platz in den Tiergarten einbiegen, wo der Blick sich heute noch über die jungen Pflanzungen hinweg in Richtung Moabit und weiter gen Tegel und Plötzensee verliert. Auch hier neue Straßenzüge, neue Häuser und Siedlungen, nach Licht und Sonne ausgerichtet. Ein völliger Bruch mit der Vergangenheit, die gerade hier in Tegel während der Hitlerzeit ihre scheußlichste Manifestation erfuhr. Dann Grünanlagen, Klubhäuser, Schwimmbäder, Tennisplätze, zum Teil schon in Wald gebettet, der hinter Hafenanlagen und Spree den hügeligen Horizont begrenzt. Ähnliche Eindrücke auch im Grunewald, in Schmargendorf, in Südende, überall, wo die neue Planung Hand angelegt hat. Der „Zug ins Jrüne“, dem Berliner von jeher eigen, wird hier überall zur Maxime des Lebens in Deutschlands wiedergeborener Hauptstadt, deren Kern fortan lediglich Geschäfte und Büros aufnehmen soll. Auch am Kurfürstendamm soll es künftig keine Privatwohnungen mehr geben, was allein schon seinen Charakter verändern dürfte.

Selbstverständlich sind auch verkehrstechnisch grundlegende Wandlungen geplant. Noch bimmelt die Elektrische, dem Notstand gehorchend, durch die breiten Straßen, die später dem Motorfahrzeug allein gehören werden. Beabsichtigt ist ein weitreichender Ausbau des U-Bahnnetzes, so daß der werktätige Berliner künftig in 15 bis 20 Minuten von der Arbeitsstätte zu seiner Behausung gelangen kann. Den ersten Antrieb zu so großzügiger Organisation erhielt Berlin vor wenigen Jahren durch die Marshallplanhilfe, die dem Magistrat 35 Millionen DM für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Seither schreitet das Werk ständig fort, vorerst unter dem Motto „Sorge um den Menschen“, den menschenwürdig leben zu lassen, als vornehmste Pflicht gilt. Später wird man sich auch der Innenstadt annehmen, wo jetzt nur wenige Zweckbauten das düstere Bild der Zerstörung kaum zu wandeln vermögen. Tempora mutantur et nos mutamur in illis, lernten wir einst in Berlin auf der Schule. Es scheint fast, daß wir das neue Berlin jenem alten vorziehen werden, darin wir einst glücklich waren.