Von Wilhelm Möhrke

Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen.“ Stolzes Selbstbewußtsein spricht aus der Vorrede zur Erstlingsschrift des dreiundzwanzigjährigen Immanuel Kant. Noch war es nicht entschieden, ob der Wissenschaftler oder der Metaphysiker dereinst Entscheidendes und Gültiges aussagen würde. Der Forschertrieb äußerte sich vorerst in physikalischen Spekulationen, und die „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ brachte (1755) in weit gespanntem Bogen die Kosmogonie des Urnebels.

Erst mit 50 Jahren fand Kant die charakteristische Form seines Philosophierens. Die äußeren Voraussetzungen waren dafür günstig. Vorurteilslosigkeit und Freiheit des Wortes herrschten nach dem Vorbilde des Großen Königs auf Kanzel und Katheder. In der ersten der drei Kritiken, der „Kritik der reinen Vernunft“, dem Staatsminister Friedrichs des Großen, Freiherrn v. Zedlitz, gewidmet, führte Kant in architektonischer Strenge die metaphysische Gedankendichtung ad absurdum. „Soviel ist gewiß: Wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt alles dogmatische Gewäsche.“ Das Ergebnis dieses Werkes mußte freilich negativ sein: „Metaphysik ist eine Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft.“

Es sollte sich zeigen, daß alle kritischen Zurüstungen im Dienste der Lebensphilosophie standen. In der Kritik der praktischen Vernunft (1788) wandelt sich die sonst so nüchterne Sprache zu dithyrambischem Schwunge der Aussage in den Schauern des Gefühls. „Pflicht, du erhabener Name, der du nichts Beliebtes, was ein Sinnenbehagen mit sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst.“

Die politischen Verhältnisse hatten sich inzwischen geändert. Friedrich starb 1786. Unter Friedrich Wilhelm II. kam die Gegenströmung gegen die Aufklärung zur Macht. Die „Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft“ – übrigens mit ausdrücklicher Billigung der Königsberger theologischen Fakultät veröffentlicht – trug Kant den Zorn seines königlichen Herrn ein, der ihm durch Kabinettsorder kund und zu wissen tat: „Wir vergewärtigen von Euch bei Vermeidung unserer höchsten Ungnade, daß ihr Euch künftighin nicht dergleichen werdet zuschulden kommen lassen, widrigenfalls Ihr Euch bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt.“ Kant quittierte diese Demütigung mit dem Hinweise, daß seine Arbeit eine Würdigung der natürlichen Religion enthielte, keineswegs aber eine Herabsetzung des Christentums. „So halte ich, um auch dem mindesten Verdacht darüber vorzubeugen, für das Sicherste, hiermit als Ew. Majestät treuester Untertan feierlichst zu erklären, daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend gänzlich enthalten werde.“ Nach dem Tode des Königs gab er dann im „Streit der Fakultäten“ (1798) den Kommentar zu dieser Erklärung: „Diesen Ausdruck wählte ich vorsichtig, damit ich nicht der Freiheit meines Urteils in diesem Religionsprozeß auf immer, sondern nur, solange Seine Majestät noch am Leben wäre, entsägte.“ Auf einem Zettel seines handschriftlichen Nachlasses fand man noch die Worte: „Widerruf und Verleugnung seiner inneren Überzeugung ist niederträchtig und kann niemandem zugemutet werden, aber Schweigen in einem Falle wie dem gegenwärtigen ist Untertanenpflicht, und wenn alles, was man sagt, wahr sein muß, so ist es darum nicht auch Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen.“

Einfach und schlicht war das bürgerliche Leben dieses Mannes. Der Schüler des Collegium Fridericianum in Königsberg, der Hauslehrer, der Doktor der Philosophie, Privatdozent und schließlich Professor der Metaphysik und Logik an der Academia Regismoritana, kam niemals über den Bannkreis seiner Heimatstadt hinaus. Er verschied am 12. Februar 1804, wenige Tage vor Vollendung des achtzigsten Lebensjahres.

Unser Jahrhundert ehrte den großen Toten mit dem Anbau der Kant-Kapelle an die Domkirche, unter der seine Gebeine eine würdige Ruhestätte fanden. Wie sie jetzt wohl aussehen mag?