D. L., London, im Februar

Seit dem Kriegsende sind die Lohn- und Streikbewegungen in England nicht zur Ruhe gekommen. 1951 betrug die allgemeine Lohnerhöhung 11 v.H., 1952 etwa 6 v.H. und 1953 rund 3 v.H., in allen drei Jahren also ungefähr in Höhe der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Und doch unterscheidet sich 1953/54 gegenüber früher wesentlich in den Motiven und in der Konzeption der weiteren Forderungen, die sich in den einzelnen Gewerkschaften von 7 bis 15 v. H. bewegen.

Nahezu 2,5 Mill. Arbeitstage gingen 1953 durch Streiks verloren, obgleich es eigentlich zu großen Streiks, wie sie Ende des Jahres vorgesehen waren, (noch) nicht gekommen ist. Die Vermeidung jedes Streiks, der die Gefahr eines Generalstreiks in sich trägt, ist naturgemäß das dringendste Ziel der britischen Regierung. Die zugestandenen 26 Mill. £ für die Eisenbahner sind in dem Defizithaushaltsplan der British Transport Commission ungedeckt und werden vom Staat getragen werden müssen, nachdem die beantragte 10%ige Frachterhöhung zurückgestellt wurde. Die Lohnforderungen in den Schiffs- und Maschinenbauanstalten, die einen Mehraufwand von 125 Mill. £ erfordern, sind noch nicht erfüllt. Im Bergbau müssen ab Januar jährlich rund 20 Mill. £ mehr an Löhnen gezahlt werden, wenn der Vorschlag der Unternehmer angenommen wird (obgleich dabei die Sonnabendarbeit und eine 2,5%ige Mehrförderung eingehandelt wurde), und den Elektrikern wurde in der Hoffnung auf Abwendung eines Streiks eine wöchentliche Lohnaufbesserung von 8,6 sh angeboten, was die Lohnausgaben in dieser Branche um 75 Mill. £ heraufsetzen würde. Aber es ist nicht mit Sicherheit anzunehmen, daß die E. T. U. der Elektriker zur Einwilligung bereit ist, nachdem die Forderung einer 15%igen Lohnerhöhung, die nach den Berechnungen der E. T. U. nur zu einer Verteuerung der Endprodukte um 2,5 v. H. führen würde, bereits mit der Ausgabe von 40 000 £ für die in London Streikenden und einer weiteren Bereitstellung von 0,5 Mill. £ unterstrichen wurde.

250 Mill. erscheinen nicht viel im Verhältnis zu dem Nationalbruttoeinkommen von nahezu 14 000 Mill. £, tatsächlich aber sind die Forderungen der vier großen Gruppen nur der Anfang, und neue Forderungen werden mit größter Eile eingebracht, um zu der Erfolgswelle der großen Organisationen zur rechten Zeit und Gelegenheit zu kommen ...

Regierung und Industrie haben sich bisher vergeblich bemüht, die Streik- und Lohnbewegung zu lokalisieren und einzudämmen; ein schweres Beginnen in einem Staate, der deutlich alle Merkmale der Planwirtschaft trägt. Selbst die Opposition, der man in ihrer gegenwärtigen Lage besondere Gewerkschaftsfreudigkeit nachsagt, wird mehr und mehr auf die nationale Gefährdung der Wirtschaft aufmerksam.

Wenn in britischen Industriekreisen heute von einer neuen Emanzipierung der Beschäftigten gesprochen wird, zielt man weniger auf den Wettlauf von Preisen und Löhnen, als auf eine in England typische Nachkriegserscheinung hin, die mit der Stärkung der finanziellen Konzentration der Industrie zusammenhängt. Während des Krieges und erneut in verbesserter Form 1951 wurden Gesetze zur Dividendenbeschränkung erlassen, die naturgemäß eine bedeutende Kapitalbildung bei den Firmen zur Folge hatten. In erster Linie (und entgegen den Erwartungen des Staates) wurden diese Kapitalien, anstatt zur Modernisierung und Erweiterung der Produktionsanlagen, zur Loslösung von der staatlichen Kreditabhängigkeit verwendet. Jetzt jedoch angesichts der kommenden Aufhebung der Beschränkungen zeigen sich die gewaltigen Gewinne, die in den Hauptindustrien erzielt wurden und auf die die britischen Arbeiter nun Anspruch erheben.

Zweifellos identifiziert sich die Majorität der Beschäftigten nicht nur mit der Definition eines Lohnangleiches an das Preisniveau (was ursprünglich die Ursache der gesamten Bewegung war), sondern auch mit dem hinzugenommenen und jetzt unausgesprochen im Vordergrund stehenden Ziel einer besseren Gewinnbeteiligung durch Lohnerhöhung. Wie weit dieses Ziel tatsächlich gesteckt ist, wird in den Abstimmungsergebnissen der Eisenbahner und Bergleute deutlich: 35 v. H. waren gegen die Annahme einer 6 %igen Lohnerhöhung.

Wenn zuvor die Bemühungen um Lokalisierung der Streik- und Lohnbewegung erwähnt wurden, so muß hier ergänzt werden, daß tatsächlich die Dynamik des Kampfes in den Gewerkschaften nicht einheitlich ist, vielmehr, daß sie in den Händen jener 35 v. H. liegt und für die Mehrzahl der Mitglieder in Cumberland, Northumberland, Glasgow, South Wales und u. a. London zu einem politischen Instrument wurde, durch das sie mitgerissen und überstimmt werden. Diese Gefahr wird von Regierung und Industrie als mindestens ebenso groß angesehen, wie der durch Streiks möglicherweise weiter zurückgehende Export. Die kommunistische Konzeption von realistischer Politik ist in England kaum anders als in den kontinentalen Ländern. Die gegenwärtige Streikbewegung mag im Grunde nicht der kommunistischen Initiative ausschließlich entsprungen sein, aber mit Sicherheit ist die Entwicklung der Streiks und des „slow down“, der Zeitlupenarbeit, von kommunistischer Dynamik unter dem Motto der Lohngerechtigkeit vorangetrieben worden. In der Schiffbauindustrie und auch in den Bergbaugewerkschaften ist der Einfluß der kommunistischen Partei nicht zu unterschätzen; besonders in South Wales werden verschiedene Gewerkschaften von Mitgliedern des Exekutivkomitees der kommunistischen Partei kontrolliert. Bisher ist es der britischen Regierung gelungen, die Gewerkschaften in ihren Verhandlungen zu separieren und in einzelnen Industriezweigen eine Beruhigung herbeizuführen. Sollte jedoch, wie in einzelnen Gruppen, die Führung der Gewerkschaften den Gemäßigten weiter aus den Händen gleiten, dürfte das zweifellos auch die Annullierung der bereits zustandegekommenen Abkommen zur Folge haben.