cel., Hamburg

Beinahe wäre es zu der Premiere von Paul Claudels „Mittagswende“ im Deutschen Schauspielhaus nicht gekommen. Der 86jährige Dichter hatte im letzten Augenblick eine radikale Umarbeitung seines grandiosen Jugendwerkes eingeschickt und verlangt, man solle diese statt der Originalfassung spielen. Das war schon aus theatertechnischen Gründen nicht möglich, denn Heinrich Koch hatte mit seinem Darstellerquartett – Will Quadflieg, Volker von Collande, Peter Schütte und Margot Trooger – bereits über zwei Monate an dem Werk probiert und war von der szenischen und geistigen Unübertrefflichkeit der Urfassung so sehr überzeugt, daß er sich zu keinem Kompromiß bereitfinden konnte. Am Abend nach der Generalprobe gab der Dichter in einem Brief an den französischen Generalkonsul in Hamburg schließlich doch noch seine Zustimmung. Wie die Aufführung zeigte, mit vollem Recht. Die „Mittagswende“ erwies sich in der makellosen Aufführung nicht nur als eine der stärksten dramatischen Dichtungen aus der Zeit der Jahrhundertwende, stärker als der alte Ibsen und der späte Strindberg, sondern auch als ein Stück von unheimlichster und gespanntester Aktualität: die Frau zwischen den drei Männern wirkt heute mehr denn je als ein Gleichnis für den Menschen, der an der Unmöglichkeit, mit dem anderen Menschen zur ersehnten Vereinigung zu kommen, zugrunde geht. Die vier Personen Claudels sind ganz in sich und ihrer vergeblichen Sehnsucht befangen, nicht anders als die Figuren in Wagners „Tristan“, an den das Drama auch in der Komposition bewußt erinnert. Kein Strahl der Gnade trifft sie. Aber gerade durch ihre Tragödie scheint die Erlösung hindurch.