Von Christian E. Lewalter

„Kant, der Alleszermalmer“ Moses Mendelssohn

Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken!“ klagt der vierundzwanzigjährige Heinrich von Kleist, verabschiedeter Gardeleutnant und nun (1801) Student in Frankfurt an der Oder, seiner Braut. Der Grund seiner Verzweiflung? Er hat Kant gelesen, die „Kritik der reinen Vernunft“, die schon vor zwanzig Jahren erschienen, aber noch immer aufregendste Lektüre der jungen Generation ist. Mit dem festen Zutrauen, er werde hier sichere Erkenntnis finden, war Kleist an das Studium gegangen – aber Kant hat ihn in den Abgrund gestürzt. Er entnimmt den umständlichen, gelehrten Argumentationen des Buches nur eine einzige, sehr simple, aber zerschmetternde Einsicht: es gibt keine Gewißheit der Erkenntnis von den Dingen außer uns. „Wenn ich, ohne es zu wissen, stets eine grüne Brille trüge, würde mir alles grün erscheinen“, belehrt er die Braut. Grün, die Farbe der Hoffnung, wird ihm zum Beispiel für die Hoffnungslosigkeit des Denkens. Und Kant ist für ihn der Cherub, der ihn aus dem Paradies ausgewiesen hat

Nun ist zwar eines gewiß: daß das, was Kleist seiner Lektüre als Ergebnis entnahm und worüber er am Denken verzweifelte, nicht das ist, was Kant den Lesern der „Kritik der reinen Vernunft“ mitteilen wollte. Aber so leicht das heute zu erkennen ist, so schwierig ist es doch, sich in die geistige Situation einer Jugend zu versetzen, für die Kant etwas Umstürzendes, Beängstigendes, ja, geradezu in den Nihilismus Treibendes sein konnte – auch dann noch, als er für die Öffentlichkeit verstummt war. Denn schon drei Jahre vor Kleists verzweifeltem Bekenntnis waren (1798) Kants letzte Arbeiten erschienen, und schon drei Jahre nach jenem Brief starb der Achtzigjährige – starb er still Und behutsam, wie sein Leben gewesen war: ohne Krisen, ohne Katastrophen, ohne erbitterte Kämpfe, ja, sogar ohne Reisen, immer im Weichbild der alten preußischen Krönungsstadt.

Was hat ihn dennoch so revolutionär wirken lassen? Denn er hat revolutionär gewirkt, auf alle seine Zeitgenossen. Die Erschütterung, die Kleist erfuhr, ist nur eine der letzten Wellen gewesen, die Kants gewaltiger Steinwurf schlug. Zwanzig Jahre lang, seit ihrem Erscheinen 1781, hatte die „Kritik der reinen Vernunft“ in Weimar, in Jena, in Berlin, im Tübinger Stift, in Düsseldorf auf den Tischen der Geistigen gelegen, der Dichter, der Künstler, der Schriftsteller. Sie spalteten sich leidenschaftlich in Jünger (wie Schiller, wie Fichte, wie Wilhelm von Humboldt) und Gegner (wie Herder, wie Friedrich Heinrich Jacobi). Am geringsten noch war der Aufruhr bei den Universitätsphilosophen – vielleicht deshalb, weil diese am meisten mit Geduld gewappnet waren, um abzuwarten, was Kant zu sagen haben werde, sobald sein „kritisches Geschäft“ (nämlich die drei „Kritiken“ mit ihren Ergänzungen) abgeschlossen war. Sie haben vergeblich gewartet, denn Kant kam nicht mehr dazu, den „Kritiken“ das positive Werk folgen zu lassen. Die Vorarbeiten und Entwürfe lagen in seinem Schreibtisch, als er starb, und erst hundert Jahre nach seinem Tode konnten sie (als sogenanntes „Opus postumum“) veröffentlicht werden.

Diese eigentümliche Paradoxie muß man bedenken, wenn man das Ereignis Kant verstehen will: er gedachte einzureißen, um neu bauen zu können. Aber da ihm die Zeit fehlte, für den Neubau mehr als die ersten Fundamente zu legen, so erkannten die Zeitgenossen noch nicht, welche Steine des abgerissenen Baues er für den neuen verwenden wollte, und hielten ihn – die einen ihm folgend, die anderen ihn abwehrend – für den „Alleszermalmer“. Aber es kommt noch eine zweite Paradoxie hinzu: die Zeitgenossen wußten noch, was das gewesen war, das Kants „Kritiken“ einrissen. Wir aber wissen es nicht mehr (weil er es ja eingerissen hat) und müssen es uns erst durch mühselige historische Forschung rekonstruieren. So kommt es, daß Kant für die Europäer des 20. Jahrhunderts wohl ein großer Name, ein Klassiker der Philosophie, der vielzitierte Mann des „kategorischen Imperativs“, der „kopernikanischen Wendung“ und des „Dinges an sich“ ist, daß man ihn aber im übrigen den Philosophieprofessoren überläßt, deren Gilde er ja auch angehört hat. Aus ihren Reihen hört man dann dies und jenes über „Neu-Kantianer“ und ihre Gegner, man erfährt, daß es eine eigene Kant-Zeitschrift gibt, die „Kant-Studien“ (die früher in Berlin erschienen und jetzt im Kölner Universitätsverlag wieder herauskommen), man liest von Diskussionen über Kants Bedeutung für die neue Physik oder über Kants Ethik der Pflicht – kurz: man sieht keinen Grund zur Aufregung, geschweige zur Erschütterung. Kant ist entrückt in den Himmel der Philosophen, zu dem gewöhnliche Sterbliche nicht zugelassen werden...

Keine Legende ist ohne Wahrheitsgehalt. Kant hat nie etwas anderes sein wollen als ein Philosophieprofessor, das heißt, ein Mann, der seine Studenten in das begriffliche Erfassen der Weltzusammenhänge einführt und, um dies Geschäft gewissenhaft verrichten zu können, zu seinem und seiner Fachgenossen Nutzen ständig diese Zusammenhänge von Grund auf durchdenkt. Seine „Kritiken“ wandten sich an die Fachgenossen, und er selbst war am meisten verwundert über ihre breite und nachhaltige Wirkung auf Kreise außerhalb der akademischen Zunft. Nicht ohne einen Anflug von Ironie sprach er 1787 in der Vorrede zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ davon, daß „mutige und helle Köpfe“ sich durch „die dornichten Pfade der Kritik, die zu einer schulgerechten, aber als solche allein dauerhaften und daher höcht notwendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, nicht haben hindern lassen, sich dieser zu bemeistern“, und daß sie „mit der Gründlichkeit der Einsicht noch das Talent einer lichtvollen Darstellung (dessen ich mir eben nicht bewußt bin) so glücklich verbinden“. Schulgerecht, dauerhaft, gründlich, Wissenschaft – das sind nicht Merkmale explosiver Schriften, wie sie das nächste Jahrhundert erlebte. War Schopenhauer schulgerecht, war Nietzsche gründlich, war Kierkegaard wissenschaftlich, war Marx dauerhaft? Und doch fühlten sie sich alle, so verschieden sie waren, als Vollstrecker Kants, wie schon Schiller und Fichte, Schelling und Hegel es getan hatten, die auch nicht „schulgerecht“ philosophierten, sondern mit stark persönlich gefärbtem Pathos, als Bekenner, nicht als Überlieferer.