Rheinland-Pfalz

Dd., Kaub (Rhein)

Als Marschall Blücher in der bitterkalten Neujahrsnacht 1813/14 bei Kaub über den Rhein setzte und damit die mehr als zwanzigjährige Franzosenherrschaft im linksrheinischen Deutschland beendete, bot sich ihm – entgegen einer hie und da verbreiteten Legende – keine feste Eisdecke auf dem Strom an; er mußte seine pommerschen und schlesisehen Grenadiere auf 200 Kähne verladen, die von Kauber Schiffern an das verschneite Bacharacher Ufer gesteuert wurden.

Daß sich der größte deutsche Strom einen festen Eispanzer zulegt, erlebt im Durchschnitt jede Generation nur einmal. In unserem Jahrhundert allerdings bietet sich das Naturschauspiel bereits zum dritten Male: im Februar 1929, dann wieder 1947 (allerdings nur auf einer kurzen Strecke) und nun seit dem 1. Februar 1954.

An diesem Tage stellten die beiden Eisbrecher des Wasserstraßenamtes Koblenz ihre Versuche ein, zwischen St. Goar und Lorch eine Fahrtrinne freizuhalten. Auf dem Mäuseturm bei Bingen wurde die rotweißrote Flagge gehißt: „für alle Schiffe gesperrt ...“ In St. Goarshausen drängen sich die „Kohlenpötte“ aus dem Ruhrgebiet dicht aneinander, in dem engen Hafen kann kein Schiff mehr Platz finden. Es gibt unerwarteten Landurlaub. Die Frauen der Schiffer freuen sich: sie können einmal den Winterschlußverkauf ausnutzen. Aber die Schiffer selbst sehen besorgt auf die sich meterhoch türmenden Eisschollen. Das Stilliegen eines 1500-t-Schiffes bedeutet einen monatlichen Verlust von 4000 DM.

Wenige Tage später setzt auf den beiden Rheinuferstrecken der Bundesbahn, die sich – jeder Windung der Rheinschlucht folgend – auf halber Höhe zwischen Ufer und Hang an die Felsen klammern, ein Höllenbetrieb ein. Mit 58 Sondergüterzügen täglich auf den beiden ohnehin überlasteten Strecken erkämpft die Eisenbahn einen winterlichen Teilerfolg im Kampf Schiene gegen Wasserstraße ...

Die mächtige Packeisbarriere oberhalb des Loreleifelsens, wo der Strom auf 120 Meter – ein Fünftel der Breite, die er oberhalb von Bingen einnimmt – zusammengepreßt wird, wirkt wie ein Wehr. Die Eisdecke wächst von hier aus stromaufwärts, Stunde für Stunde um 300 Meter. Die Schollen schieben sich übereinander, bei Lorch werden sie bereits über die Uferböschung hinausgedrängt; das eiserne Geländer der rechtsrheinischen Bundesstraße 9 wird eingedrückt. Im Binger Loch, beiderseits des historischen Mäuseturms, brodelt die starke Strömung