Wer heute Geschichte schreibt, insbesondere die Geschichte einer Kunst, kann noch so sehr der Objektivität beflissen sein – er kommt nicht darum herum, inner- oder besser oberhalb der vielfältigen Erscheinungen selbst Stellung zu beziehen. Vor allem deshalb, weil die Wertungen schwankend geworden’sind, weil es schon unmöglich ist, die neueren Phänomene in den großen Zusammenhang einzuordnen, ohne zu wählen, zu werten, die Gewichte zu bestimmen. Denn es steht fest, daß über die Entwicklung der letzten etwa vierzig Jahre bis auf diesen Tag ein wirklich verbindliches Urteil, dessen Spruch als objektive historische Tatsache einfach zu verbuchen wäre, noch nicht gefunden ist. So kann und muß denn auch eine moderne Musikgeschichte weitgehend von der Subjektivität des Autors gezeichnet sein. Und es ergibt sich das Paradoxon, daß gerade diese Subjektivität unter Umständen mehr echte Objektivität verrät, als der viel zu häufig unternommene Versuch, das sachlich zu Registrierende als bestätigte Werte in das Bewußtsein der Leser zu schmuggeln. In diese letzthin beliebt gewordene Methode legt eine Neuerscheinung eine begrüßenswerte Bresche:

Hans Schnoor: „Geschichte der Musik“, Bertelsmann Verlag, Gütersloh. 752 S., 48 Bildtafeln. 19,80 DM.

Der Verfasser dieses nicht nur äußerlich repräsentativen Werkes korrigiert noch einen anderen Fehler landläufiger Musik-Historiographie: er geht von der Erkenntnis aus, daß nicht Stilepochen, nicht Zeitstile allein die „Geschichte“ machen, sondern in viel höherem Grade: einzelne hervorragende Schöpferpersönlichkeiten, in deren Werk die jeweiligen Zeitstile erst eigentlich fruchtbar werden. Und da dieser Autor kein bloßer trockener Musikgelehrter, sondern ein geistiger Mensch mit lebhaftem Temperament ist, entsteht hier unter seiner Feder eine umfassende Geschichtsdarstellung, die sowohl durch ihren Gedankenreichtum wie durch ihren sprühend lebendigen Vortrag fesselt. Er entrollt so ein großartiges Panorama, das von der Kraft begründeter individueller Sehweise in eine durchgehende klare Linie zusammengeschaut ist, so daß auch der einigermaßen bewanderte Laie weit mehr Gewinn davonträgt, als er sich von einer wissenschaftlichen Arbeit dieser Art versprechen mag. Die einzelnen Persönlichkeitsporträts sind überaus plastisch gemalt, ihre Beziehung zum allgemeinen Geschehen, zum Vorher und Nachher aufs deutlichste klargelegt. Von dem Punkte an, wo die – verhältnismäßig – gesicherte Vergangenheit in die neue Zeit, die Epoche der „Neuen Musik“ einmündet, wird dieser oder jener Leser vielleicht Widerspruch anmelden. Doch stützt sich auch hier die „subjektive“ Stellungnahme des Autors auf so durchdachte Argumente, daß es leichter sein wird, den Widerspruch zu erheben, als ihn stichhaltig zu begründen. Schnoor zeigt da einen Mut zur Selbständigkeit, zur Unbestechlichkeit durch modische Begriffe, zur Darlegung ernster Vorbehalte, den er innerhalb der Zunft der Musikwissenschaftler unserer Tage wohl nur noch mit Hans Joachim Moser gemein hat Um es zu wiederholen: wer in diesen Fragen recht hat (oder wer am Ende recht behalten wird), darüber entscheidet keinesfalls die gegenwärtige Kritik, sondern einzig und allein die Zukunft.

Geschichtliche Perspektiven eröffnet auch ein Buch, das mitten in die eben angerührte Problematik stößt:

Hermann Pfrogner: „Die Zwölf Ordnung der Töne“, Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien. 281 Seiten.

Es ist vielleicht die erste ernsthafte Behandlung der im Titel bezeichneten „Materialfrage“ – wie man es wohl nennen darf. Der Vorzug dieses Buches liegt darin, daß der Verfasser keine künftige Entwicklung im Sinne einer alleinseligmachenden „Richtung“ präjudiziert, sondern in weitausholender überschau die bedeutsame Rolle nachweist, welche die „Zwölfordnung“ in der ganzen Geschichte der musikalischen Komposition bisher gespielt hat. Kapitelüberschriften mögen in Kürze den Weg der Untersuchung andeuten: „Vom Sinn der Zwölf in der Musik“, „Die zwölf Lü der Chinesen“, „Der Weg der Zwölftonleiter“ mit den Unterteilungen: „Diatonische Einheit“, „Chromatische Vielheit“, „Enharmonische Ganzheit“; ferner: „Schönberg und Joseph Matthias Hauer“, „Hindemith und die enharmonische Situation der Gegenwart.“ Unbeschadet der historischen Legitimation, die den Bestrebungen der modernen „Zwölftöner“ durch diese von bemerkenswertem Verantwortungsgefühl diktierte Darlegung gegeben wird, ist sie doch weit davon entfernt, den Ausschließlichkeitsanspruch und die Zukunftsusurpation jener intoleranten Sekte zu rechtfertigen. Sie läßt die Türen offen für jede durch sich selbst legitimierte schöpferische Potenz. Dadurch gerade bietet sie Möglichkeiten zu fruchtbarer Verständigung unter den sich heute befehdenden Lagern.

Das erregende Situationsgemälde einer musikgeschichtlichen Epoche bildet den Hintergrund einer neuen, nein, der hinfort grundlegenden Hugo-Wolf-Biographie: