Fast 50 Milliarden DM nimmt der Staat im Jahre 1954 an Bundes-, Länder- und Gemeindesteuern für sich in Anspruch, das sind 35 Prozent des gesamten Volkseinkommens. Vor fünfzig Jahren war es noch ein kleiner Bruchteil davon. Diese Entwicklung hat das Steuerrecht zu einem umfangreichen Rechtsgebiet gemacht, auf dem sich der einzelne längst nicht mehr zurechtfinden kann. Steuerberater undSteuerbevollmächtigte helfen ihm deiner. Die Bundesregierung hat dem Parlament Gesetze vorgelegt, durch die die Rechtsstellung der Steuerberater und Steuerbevollmächtigten geregelt wird, ebenso die der Buchprüfer und Wirtschaftsprüfer. Alle diese Berufe werden von nun an eigene Berufskammern errichten.

Jetzt steht die Welt still“, sagten die Leute, „und die ganze Wirtschaft bricht zusammen“, als zwei Jahre vor dem ersten Weltkrieg der „Wehrbeitrag“ beschlossen wurde. Uns kommt das heute kindisch vor, denn durch den Wehrbeitrag, der Wilhelms II. schimmernder Wehr noch mehr Glanz verleihen sollte, war die Erhebung von nur einer Milliarde Mark in drei Jahresraten beabsichtigt. Nachher stellte sich heraus, daß die Aufregung überflüssig war. Die deutsche Wirtschaft konnte den Stoß sehr gut vertragen. Das Entscheidende aber war, daß der Wehrbeitrag, der eine Vermögenssteuer war, seine prinzipielle Bedeutung hatte. Denn jetzt waren die direkten Reichssteuern geboren; vorher hatten nur die Länder Steuern eingehoben. Ein paar Jahre später folgte – im Kriege – die zweite Reichssteuer, das war der „Warenumsatzstempel“, der „Vater“ unserer heutigen Umsatzsteuer. Der Stempel wurde mit eins Promille festgesetzt –: so war damals die Steuerpolitik.

Nach dem ersten Weltkrieg hat die Weimarer Republik das Steuerwesen gründlich reformiert: jetzt wurden alle wichtigen Steuern Reichssteuern, und die Länder behielten nur einige besondere Steuern in eigener Verwaltung. Bei aller Bescheidenheit, deren sich das Reich noch fast zwei Jahrzehnte befleißigte, begann doch eigentlich damals schon das Steuerelend. Die Steuern wurden höher, das Steuerrecht komplizierter; vor allem mußte ein Steuerverfahrensrecht entwickelt, werden. Es erblickte 1919 in der Reichsabgabenordnung das Licht der Welt, nachdem am 26. Juli 1918 der Reichsfinanzhof errichtet worden war. Die Reichsabgabenordnung war – und ist nach vielen Änderungen noch heute – für das Steuerwesen das, was im Zivilrecht die Zivilprozeßordnung und im Strafrecht Strafgesetz und Strafprozeßordnung zusammen sind. Das Steuerrecht hatte sich damit zu einem eigenen Rechtsgebiet entwickelt, das eigentlich gleichberechtigt neben bürgerlichem und Strafrecht stehen müßte.

Wenn sich aber ein großes neues Rechtsgebiet entwickelt hat, dann mußte auch ein neuer Beruf entstehen, nämlich der der Rechtskundigen dieses Gebietes, also so etwas wie der Steueranwalt. Und schön lange vor dem ersten Weltkrieg hatten einzelne Leute vermutet, daß einmal so etwas wie ein Steuerberater notwendig werden würde. Unter ihnen befand sich an erster Stelle ein Dr. G. F. Horn, der 1910 damit begann, sich in den Steuersachen zu spezialisieren und ein finanzrechtliches Archiv anzulegen, das heute trotz Bombenschäden immer noch einzigartig sein dürfte. Während des ersten Weltkrieges war er schon Steuersyndikus und sorgte unmittelbar nach dem Krieg dafür, daß der Steuerberater in der Reichsabgabenordnung eine gewisse Berücksichtigung fand. Damit hat er diesen Beruf eigentlich aus der Taufe gehoben.

Die Reichsabgabenordnung von 1919 regelte bereits die Vertretungsbefugnis vor den Finanzbehörden, wenn auch in einem Sinne, der nicht besonders gefallen konnte. Denn nach dieser Regelung war die Zulassung der Steuerberater durch die Finanzbehörden widerruflich; das heißt: die Finanzämter, beziehungsweise die Oberfinanzpräsidenten, konnten sich, wenigstens theoretisch, solcher Steuerberater entledigen, die ihnen auf die Nerven fielen, weil sie etwa ihre Mandanten zu energisch vertraten. Um dieses Problem entbrannte ein langwieriger Kampf, der mehrere Jahrzehnte dauerte, in welcher Zeit der Beruf des Steuerberaters – später kam noch der des „Helfers in Steuersachen“ hinzu – eine immer größere Bedeutung erhielt. Die Steuern wuchsen gigantisch an, die Einkommensteuer vervielfachte sich, nicht anders die Umsatzsteuer. Außerdem aber komplizierte sich das Steuersystem in so ungeahntem Ausmaß, daß ein immer größerer Teil der Bevölkerung, der diese Tausende von Vorschriften nicht mehr überblicken konnte, auf die Hilfe und Vertretung eines Sachverständigen angewiesen war. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, gab es bereits rund 6000 Steuerberater und rund 19 000 Helfer in Steuersachen.

Die Bemühungen um die Rechtsstellung dieser 25 000 Menschen, die ja nicht nur für sich selbst, sondern in allererster Linie für Hunderttausende und Millionen ihrer Mandanten wichtig ist, gingen auch in der Zeit des Nationalsozialismus weiter. Zwar machte der NS-Rechtswahrerbund Schwierigkeiten. Aber schließlich zeigte das Reichsfinanzministerium doch ein gewisses Verständnis für diese Frage –: in diesem Ministerium wußte man ja am besten, wie kompliziert und unübersichtlich das Steuerrecht schon geworden war. Und so kam es im Jahre 1939 zu einer Tagung von 50 Steuerberatern in der Finanzakademie in Tegel, auf der die Vertreter des Finanzministeriums sich so beeindrucken ließen, daß sie der Errichtung einer Arbeitsgemeinschaft der Steuerberater zustimmten. (Ein Verband der Steuerberater, der bereits 1927 gegründet worden war, war 1934 im Zuge der Gleichschaltung der Vereine aufgelöst worden.) Im Anschluß daran wurden in einzelnen Oberfinanzbezirken ebenfalls Arbeitsgemeinschaften gebildet. Sie wurden zur Keimzelle der Kammer der Steuerberater, die im Juni 1943 errichtet wurde und sowohl die Steuerberater als auch die Helfer in Steuersachen umschloß. Bei dieser Gelegenheit wurde zum erstenmal die Befugnis der Finanzbehörden, Zulassungen von Steuerberatern zu widerrufen, stark eingeschränkt. Dem Widerruf mußte ein Disziplinarverfahren vorangehen, an dem die Steuerberater selbst teilnahmen, und es wurde die Möglichkeit einer Beschwerde an den Reichsfinanzminister zugelassen. Die Kammer war übrigens verhältnismäßig liberal eingerichtet. Gegen den Präsidenten war ein Mißtrauensvotum möglich, die Mitglieder des Verwaltungsrates waren an keine Weisungen gebunden. Es wurde nach Mehrheit abgestimmt.

Diese Kammer überlebte jedoch das Jahr 1945 nicht. Sie fiel den damals üblichen Denunziationen zum Opfer; gleichzeitig zerfiel das Reichssteuerrecht in Zonen- und Länderrecht, wobei nur in der britischen Zone eine gewisse Einheitlichkeit gewahrt wurde, weil die Engländer die glückliche Idee hatten, eine Finanzleitstelle für die ganze Zone einzurichten. Diese Finanzleitstelle verschloß sich auch dem Wunsche nicht, die Steuerberater und Steuerhelfer in einer Organisation zusammenzuhalten; so wurde endlich die Reichskammer als Kammer der britischen Zone wieder aktiviert. Sie hat sich seitdem allerdings nur mit Dokumentationen beschäftigt. Dr. Horn, der der Präsident dieser Kammer ist, war es nämlich gelungen, das Archivmaterial der früheren Reichskammer aus Ilmenau nach dem Westen zu retten. Infolgedessen kann die Kammer Auskunft darüber geben, wer wirklich Steuerberater oder Steuerhelfer war, also die notwendige Qualifikation besitzt, und wer es nicht war. Vielen Steuerberatern aus dem Osten und aus Mitteldeutschland konnte dadurch geholfen werden. Sie erlangten durch die Bestätigung der Kammer wieder die Zulassung zur Vertretung vor den Finanzbehörden.

Die ganze Zeit hindurch blieben aber verschiedene Arbeitsgemeinschaften aktiv, und so begannen nach Errichtung der Bundesrepublik neue Bemühungen, eine gesetzliche Regelung für die Stellung des Steuerberaters zu erlangen. Das Gesetz hat jetzt den Bundesrat im ersten Durchlauf passiert. Dieses Gesetz regelt die Rechtsverhältnisse der Steuerberater und der Helfer in Steuersachen, die von jetzt an „Steuerbevollmächtigte“ heißen werden, erschöpfend. Es errichtet Kammern beider Berufszweige und stellt ihre Unabhängigkeit von der Finanzverwaltung durch Einführung einer Ehren- und Berufsgerichtsbarkeit vollkommen sicher. Die wichtigste Forderung der Steuerbevollmächtigten ist damit erfüllt. Außerdem regelt das Gesetz die Zulassung und erläßt genaue Vorschriften über die Prüfungen, auf denen in Zukunft die Zulassung beruhen wird. Die Forderungen bezüglich der Vorbildung (abgeschlossenes Hochschulstudium und dreijährige hauptberufliche Praxis für Steuerberater, mittlere Reife, Lehrzeit und vierjährige Praxis für Steuerbevollmächtigte) sind hoch. Aber das Ansehen dieses neuen Berufs, der durch dieses Gesetz seinen Platz neben den Rechtsanwälten erhält, kann durch die Strenge der Zulassungsbestimmungen nur gewinnen. Sie liegt im Interesse nicht nur der Steuerberater und Steuerbevollmächtigten selbst, sondern vor allem im Interesse der breiten Öffentlichkeit, die auf Rat und Hilfe der Steuersachverständigen angewiesen ist, und schließlich auch im Interesse der Finanzbehörden, die im Anblick des Wustes von Gesetzen und Verordnungen allmählich ihrerseits des Rates gründlich ausgebildeter Finanzanwälte zu bedürfen scheinen, damit sie nicht Steuern einheben, die ihnen gar nicht zukommen ... W. Fredericia