Sein Name wurde in den letzten Tagen oft genannt, denn leidenschaftliche Kritik richtete sich gegen diese immer schon umstrittene Figur. Aber auch die um ein objektives Urteil Bemühten halten einige Äußerungen, die Weimer letzthin in Berlin gemacht hat, mindestens für taktisch unklug und für die deutsche Sache schädlich. Er glaubte, in dem Molotow-Plan eine Chance für Gesamtdeutschland erblicken zu können, eine Chance, die nicht vorhanden ist, was später auch Erich Ollenhauer zugeben mußte. Mag auch die Absicht dieses vielleicht mehr vorgetäuschten als aus innerer Überzeugung kommenden Optimismus gut gewesen sein: nämlich zur Entspannung der Verkrampfung beizutragen, die aufder Konferenz sichtbar geworden war – der Effekt einer solchen Äußerung in einem solchen Augenblick konnte nur der Sache Molotows, nicht der Sache Deutschlands dienen. Von den „vielen interessanten Stellen“, die die Molotow-Rede vom 1. Februar nach der Meinung Wehners enthielt, ist inzwischen nichts übriggeblieben. Das ist die große Enttäuschung, die die SPD und Herbert Wehner in Berlin erfahren haben. Wehner und seine politischen Freunde hielten für möglich, daß die Sowjetunion ihre Zone zu Bedingungen freigeben würde, die den Aufbau eines freien demokratischen Deutschlands erlaubt. Von diesem Glauben fasziniert, geriet Wehner immer mehr in das Gestrüpp der Voreingenommenheit und des Irrtums, aus dem er die Dinge in einer falschen Perspektive sah.

Etwas Ähnliches ist ihm schön früher einmal passiert. In Dortmund hatte er seinerzeit behauptet, Paris versuche seinen Moskauer Vertrag von 1944 mit den neuen Verträgen, also dem Vertrag von Bonn und dem von Paris, in Übereinstimmung Zu bringen, und er spielte dabei auf angebliche russischfranzösische Geheimverhandlungen über eine Verewigung der Spaltung Deutschlands an. Die Hintermänner der deutschen Kommunisten und der SED stünden schon in Fühlung mit den Hintermännern der „kleineuropäischen Konstruktion“, um „die Teilung Deutschlands für einen trügerischen status quo auszuhandeln“. Was war in Wirklichkeit an diesen Behauptungen? Man hörte, es hätten sich Angehörige nichtkommunistischer französischer Resistance-Kreise mit östlichen Emissären in Genf getroffen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob etwas am offiziellen Quai d’Orsay gesagt oder gar verhandelt wird, oder ob Repräsentanten einer politischen Strömung ihren gefühlsbetonten Absichten in einer Versammlung Ausdruck geben. Hier hätten Wehner ebenfalls sein Temperament Und vielleicht auch ein gewisser Mangel an Erfahrung in der Behandlung so heikler Dinge einen Streich gespielt, aus dem er anscheinend nicht genug gelernt hat.

In den letzten Jahren hat sich Wehner rasch in die ersteReihe der SPD-Funktionäre hinaufgespielt. Seine unermüdliche Arbeitskraft und auch das Vertrauen Dr. Schumachers haben ihm diesen raschen Aufstieg erleichtert. Dennoch macht Wehner den Eindruck eines verkrampften Menschen. Er ist wortkarg und gehört nicht zu der besten Rednergarnitur seiner Fraktion. Oft muß er mühsam um Worte ringen. Und wenn mit einem Male sein Redefluß reißend, allerdings nur selten mitreißend, dahinströmt, so gerät er abermals ins Stöcken Auch im privaten Gespräch macht er, wenn er, an seiner Pfeife kauend, langsam Wort für Wort hervorbringt, diesen Eindruck des Gehemmtseins.

Sein Weg als Politiker war von schicksalhafter Dramatik. Mit 21 Jahren kam er zur Kommunistin schen Partei, der er zwölf Jahre angehörte. Unter Hitler wurde er wegen illegaler politischer Tätigkeit verfolgt. 1935 emigrierte er. Er lebte in verschiedenen Nachbarländern Deutschlands und mehrere Jahre auch in der Sowjetunion. Eine Zeitlang war er Mitglied des Politbüros der KPD. 1942 ging er nach Schweden, wo er sich von der Kommunistischen Partei trennte, Sie wirft ihm deswegen vor, er sei ein „Verräter“, er hätte kommunistische Agenten indirekt der Gestapo verraten und der sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Branting in Schweden hätte ihn als einen „Provokateur“ bezeichnet. Die SPD hat diese Anschuldigungen untersucht und sie für unbegründet befunden. Sie hat sich von Wehners politischer Wandlung überzeugen lassen und hat seither unverbrüchlich an ihm festgehalten.

Seit 1946 ist Wehner Mitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Sozialdemokratischen Partei. Er gehörte bereits dem ersten deutschen Bundestag an. Er ist Vorsitzender des Ausschusses für gesamtdeutsche Fragen und trat wiederholt für die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion ein. Als Experte seiner Fraktion in gesamtdeutschen Fragen hat er auf den Kurs der SPD in der Frage der Wiedervereinigung einen nicht sehr günstigen Einfluß ausgeübt, R. K.