Es ist vielleicht ein Zeichen der großen Beklemmung, die der zweite Weltkrieg in unserem Unterbewußtsein hinterlassen hat, daß Menschen, die nicht in den Tag hineinleben, Aufschluß gewinnen wollen über die gegenwärtige politische Situation im Ablauf der Weltgeschichte. Diesem Verlangen kommt die eigene, aus den gleichen Motiven resultierende Neigung namhafter Historiker und Soziologen entgegen, die mit der den Naturwissenschaften entlehnten analytischen Methode die Gegenwart zu durchdringen suchen, als wäre sie eine bereits überschaubare geschichtliche Epoche.

Die Gefahren eines solchen Unterfangens liegen auf der Hand. Es muß notwendig mit Hypothesen und Kombinationen arbeiten und als Endergebnis der Analyse mit einer Prophezeiung aufwarten, weil auch die vortrefflichste Sezierung des im Augenblick bestehenden Zustandes die Frage nach dem Wert des ganzen Unternehmens offenlassen würde.

Reymond Aron, Professor am „Institut d’Etudes Politiques“ in Paris, politischer Redakteur des „Figaro“ und Verfasser eines Buches über die „Deutsche Soziologie der Gegenwart“, scheint sich dieser Vorbehalte bewußt zu sein, wenn er in seinem neuen, jetzt auch in Deutschland herausgekommenen Buch Der permanente Krieg (S. Fischer Verlag, Frankfurt) in den ersten Sätzen vorsorglich das Datum der Fertigstellung des Buches fixiert und hervorhebt, es ginge ihm eher darum, „die großen Linien der bestimmenden Umstände und Bedingungen herauszuarbeiten, als Hypothesen über Ereignisse aufzustellen, deren Wesen eine Voraussicht im einzelnen unmöglich macht.“ Gleich im nächsten Satz tut er es aber doch hinsichtlich der Strategie der Erben Stalins, von der er annimmt (nach unserer Meinung mit Recht), daß sie „nicht in dem Ausmaße von der des Meisters abweichen würde, um die Gegebenheiten der Weltpolitik zu ändern.“

Aron stellt aber noch eine viel weitergehende, unsere allgemeine existentielle Situation betreffende Hypothese auf, wenn er aus der Analyse der zum ersten Weltkrieg und zum Versailler Frieden führenden Geschehnisse den Eindruck gewinnt, daß „von einem gewissen Punkt an die Gewalt sich aus sich selbst ernährt.“ „Wie bei der Atomzertrümmerung“, so sagt er, „so gibt es auch beim Kriege eine Kettenreaktion. Seit 1914 leben wir in einem solchen Zustand.“ Man kann ihm abermals bestätigen, daß die Ereignisse ihm recht gegeben haben...

Trotzdem muß vor der Übernahme solcher Analogien zur Physik, die bei einem so scharfen Denker und glänzenden Stilisten, wie Aron es ist, besonders eindringlich wirken, gewarnt werden. Nicht aus dem flachen Optimismus heraus, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf“, sondern weil derartige Analogien bei dem vorhersehenden naturwissenschaftlichen Denken scheinbar unausweichbare Folgerungen schaffen, die einen Fatalismus erzeugen. Dieser Fatalismus erstickt die wenigen Möglichkeiten für die Bekämpfung aber schon im Keime.

Aron will das nicht. In seinem Schlußwort verlangt er von den Europäern, um die es ihm, dem Europäer, in erster Linie zu tun ist, einen „Glauben ohne Illusionen“. Das ist ein Widerspruch. Denn wie soll einer glauben können, ohne sich die Illusion zu machen, mit seinem Glauben Berge versetzen oder den Kalten Krieg gewinnen zu können? Aron prophezeit Europa den Tod, wenn es nicht seine Herde und Altäre, seine Rechte und Freiheiten im „begrenzten“ wie im „totalen“ Krieg zu verteidigen gewillt ist und verweist es auf die Abwehrkräfte des Mutes und des Glaubens, die wichtiger seien als materielle Hilfsmittel. Aber resignierend verspricht er den Europäern nur „eine bessere Chance“, der Gefahren Herr zu werden, die – siehe Kettenreaktion – „unser tägliches Schicksal“ bleiben werden.

Kein ermutigendes Buch. Es erstrebt eine positive Nutzanwendung und kann sie nicht geben. Soll man es lesen? Ja, wenn man sich von dem pessimistischen Schluß nicht bedrücken läßt und sich der Grenzen bewußt ist, die Kombination und Analyse in ihrer Anwendung auf ein gegenwärtiges politisches Weltbild noch stärker gesetzt sind als bei der Deutung eines vergangenen. Unter diesem Vorbehalt bietet Arons Buch eine außerordentlich sachkundige, scharfsinnige und zusammenfassende Darstellung der Problematik unserer Situation. Es ist ein vorzüglicher Extrakt aus vielen Leitartikeln, deren Verfasser sich auch hier wieder nicht nur als Journalist, sondern als Historiker und Soziologe von internationalem Rang zu erkennen gibt.

Gerhard Thimm