Wenn man seine Zelte in einem Lande aufschlug, wo man die Kunst des Kaffeebrauens obstinat verachtet, dann bleibt einem schließlich nichts weiter übrig, als es mit einer Tasse Tee zu versuchen. Bevor ich kapitulierte, habe ich jedoch verzweifelte Versuche gemacht, und alles, was man mir als Kaffee servierte, getrunken, ja, ich habe diesem Lande wirklich jede Chance gegeben, bis mein Magen einfach revoltierte.

Der Kaffee nämlich, der in guten Hotels und Restaurants nach dem Essen aufgetischt wird, ist ein in Blechdosen aufbewahrtes Gemisch von zähem Kaffeemörtel und Zichorie, welches man wie eine Suppe aufkocht. Dazu wird brauner Kandis gereicht.

Man weiß hier nichts von dem köstlichen Mahlgeräusch frisch gerösteter Bohnen und dem Duft, der der Mühle entsteigt; man gibt hier nichts auf das feierliche Präludium der Kaffeezubereitung, man kauft Kaffee in Dosen. „I would like to buy a coffee mill!“ Eine Kaffeemühle? Was ist das?

Ich streite mich schon lange nicht mehr mit dem Ober, gebe ihm keine gutgemeinten Ratschläge mehr. Seinen Kaffee lasse ich auf der äußersten Ecke meines Tisches stehen, damit der Geruch mich nicht ärgert. Auf die Frage: „Der Herr trinken keinen Kaffee?“ verweigere ich die Antwort, stecke das Trinkgeld wieder ein und gehe grußlos hinaus. Kaffee? Ha!

Schier aus Protest bestellte ich eines Tages eine Tasse Tee, vielleicht auch aus Neugierde oder aus Verzweiflung? In Deutschland, so erinnerte ich mich, tranken wir abends Tee, meine Mutter mit Zitrone, mein Vater mit Rum, wir Kinder – mit Abscheu. Irgend jemand, eine besonders vornehme Dame, schwor auf chinesischen Tee, und wir mußten ihn trinken. Ich habe den Geschmack von teerigem Bootstau noch heute im Mund.

Wie beschämte mich jene Tasse jedoch, die erste, die mir in Irland bereitet wurde! Wie Nektar schlürfte ich das sahnige, honigsüße, ockerfarbene Getränk! Und mit Schrecken dachte ich an den irischen Touristen, der sich in Deutschland eine Tasse Tee bestellt. Würde er wohl wie ich protestieren und ... mit welchem Recht (!) jenes gelb gefärbte Wasser, das man in Deutschland Tee nennt, in die äußerste Ecke des Tisches schieben? Er würde ihn trinken, aus Takt, aus Höflichkeit, aus Anstand, um mich Snob zu beschämen.

So will ich mich denn sputen, meiner neuen Heimat die barbarische Mißhandlung edelster Kaffeesorten zu verzeihen, und den Dilettantismus der Teezubereitung in meiner alten Heimat (mit Ausnahme Ostfrieslands) laut einzugestehen. Denn Tee trinken ist ein Kult! Man genießt nicht nur das Getränk, sondern die Freundschaft des Hauses, das Willkommensein, die Atmosphäre, wenn man am offenen Herdfeuer sitzt, mit einer Tasse Tee in der Hand. Und hat man es erst soweit gebracht, daß der Kran, an dem der verrußte Teekessel hängt, sofort herumgeschwenkt wird, wenn man ein irisches Bauernhaus betritt, so der Teekessel über der Torfglut leise zu singen beginnt, dann ist man heimisch geworden und gehört dazu.

Eine gute Tasse Tee ist kein Ersatz für eine schlechte Tasse Kaffee. Was ich, seit ich Tee liebe, gewann, hätte ich nie als Kaffeetrinker erfahren. Fast verdanke ich einer Tasse Tee mein neues Leben ... Georg Rosenstock