Rom

Die Regierung Fanfani, die vom 18. bis zum Januar dauerte, ist, wie jedermann erwartet hat, gestürzt. Man muß Fanfani den Vorwurf machen, daß er „um jeden Preis“ eine Regierung bilden wollte. Das hieß aber unter den jetzigen politischen Umständen, daß er bereit war, jeden Preis zu bezahlen: und der Preis, den er dann zahlen mußte, war der Sturz. Bevor er sich dem Parlament stellte, hatte Fanfani einigen Freunden gestanden, daß es eigentlich seine Absicht gewesen sei, noch etwas zu warten, bevor er Ministerpräsident würde. Und er hätte tatsächlich sehr gut noch warten können mit seinen sechsundvierzig Jahren. Aber er hatte keine Geduld.

Amintore Fanfani ist einer der bemerkenswertesten italienischer Politiker aus der jüngsten Generation. Schade, daß er sich so schnell verbraucht hat! Wenn er. sich ein wenig mehr Zeit gelassen hätte, wäre er gereift und langsam, aber sicher zum Ziel gekommen. Er war gut als Arbeitsminister, nicht schlecht als Landwirtschaftsminister und hätte sich als Innenminister auszeichnen können.

Zusammen mit dem Ex-Verteidigungsminister Paolo Taviani gehört Fanfani zu der Gruppe „Iniziativa democratica“, die die christlich-demokratische Partei jetzt schon mehr oder weniger spaltet und wahrscheinlich deren ganze Zukunft bedroht. Die Gruppe ist antikommunistisch. Ihr Programm ist aber durchaus „links“. Vom Kommunismus, der ja atheistisch und antiklerikal ist, unterscheidet sie sich vor allem durch ihre streng katholische Haltung und dadurch, daß sie (mit Erfolg) Priester zur Mitarbeit auffordert. Der deutlichste Exponent dieser nicht ganz unbedenklichen Richtung ist der Bürgermeister La Pira in Florenz, der die fundamentalen Prinzipien des Rechts und des Eigentums angegriffen hat, indem er erklärte, die politischen und sozialen Forderungen müßten ihnen vorausgehen.

Der Schock, der hieraus entstand, war stark. Es sah so aus, als ob die Katholiken das Paradies nicht mehr wie bisher für ein anderes Leben verheißen, sondern es, ganz wie die Kommunisten, hier auf der Erde verwirklichen wollten. Die Einstellung La Piras und seiner Freunde zeigte sich am deutlichsten im Falle der Fabrik Pignone in Florenz, die nach dem Gesetz hätte in Liquidation gehen müssen, da sie mehr als ein Drittel ihres Kapitals verloren hatte. Die Arbeiter jedoch besetzten die Fabrik, verhinderten also Liquidation und Schließung und wurden dabei moralisch und materiell von La Pira unterstützt. Zu jener Zeit war Fanfani noch nicht Ministerpräsident, wohl aber Innenminister, und als solcher hätte er Recht und Pflicht gehabt, La Pira als Bürgermeister von Florenz abzusetzen. Er tat es nicht, und die Autorität des Staates litt darunter. Die Angelegenheit wurde dann dank der Intervention eines Staatsbetriebes geordnet, der die Fabrik übernahm und jetzt dabei ist, sie zu modernisieren. Der Eindruck jedoch, den das Schulter-an-Schulter-Stehen katholischer Kräfte mit Kräften der äußersten Linken hervorrief, ist geblieben.

Aber dies ist nur einer der Gründe, die die politische Atmosphäre zu Fanfanis Ungunsten beeinflußten. Man darf ja nicht vergessen, daß sein Vorgänger Pella zurückgetreten ist, ohne das Parlament zu befragen, weil er von seiner eigenen Partei, den Christlichen Demokraten, angefeindet wurde und keine Lust hatte, sich ihren Befehlen zu unterwerfen. Andererseits hatte Pella die Sympathie und die Unterstützung der Monarchisten und der übrigen Rechtsparteien für sich gewonnen, die von de Gasperi und anderen christlichen Demokraten immer bekämpft worden waren. So ist die Partei jetzt in zwei Gruppen gespalten, deren Stimmenzahl sich ungefähr die Waage hält. Es machten auch die Monarchisten Front gegen Fanfani, da er offenbar kräftig bei Pellas Sturz mitgeholfen hatte. Am 30. Januar verweigerten sie geschlossen dem neuen Ministerpräsidenten, der kaum zwölf Tage lang im Amt war, ihr Vertrauen. Die Nenni-Sozialisten und die Kommunisten stimmten gleichfalls mit nein, da das Programm Fanfanis nicht ihren Wünschen entsprach, und die Regierung erhielt 303 ablehnende gegen 260 Ja-Stimmen. Doch als schwerstwiegenden Beweggrund der Krise, die wahrscheinlich die ernsteste Krise seit der Wahl vom 7. Juni ist, muß man die scharfe Spaltung innerhalb der Christlich-Demokratischen Partei ansehen – eine Spaltung, die, wenn sie nicht geheilt wird, die einzige große italienische Partei schwächen kann, die sich heute gegen den sozialkommunistischen Block stellt. Wenn de Gasperi sich entschließen könnte, wenigstens für einige Zeit nicht nach der Macht zu streben, und sich statt dessen der Neuorganisation der Partei zu widmen, würde die Situation weniger drückend sein. Leider sind die Anhänger de Gasperis von einem Fetischismus besessen, der sie in ihm den einzigen Mann sehen läßt, der fähig sei, Italien zu regieren. Daher ihre Intoleranz gegen jeden, der das Gegenteil beweisen will oder kann. Die unvorhergesehene Popularität Pellas brachte die Freunde de Gasperis in unleugbare Verwirrung, und daraus entstand die heutige Situation. Jetzt ist das Wichtigste, neue Wahlen solange wie möglich herauszuzögern. Wenn jetzt gewählt würde, brächte die Stimmung des Volkes den Christlichen Demokraten neue, schwere Einbußen, und es wäre mit einem weiteren Anwachsen der monarchistischen Kräfte zu rechnen, Doch würde dies nicht ausreichen, eine solche Zahl von Abgeordneten in die Kammer zu bringen, wie sie jetzt die Partei de Gasperis hat. Dann allerdings wäre ein Pakt zwischen dieser und der Monarchistenpartei unumgänglich – vorausgesetzt, daß die Tendenz zu einer liaison dangereuse mit der Linken nicht noch stärker sein sollte.

Italo Zingarelli