Von Brajkishore Schastri

Der Inder Brajkishore Schastri, der mit einer indischen Gewerkschaftsdelegation das rote China besuchte, schilderte im ersten Teil seines Berichts die Aufnahme der Abordnung durch die kommunistischen Behörden, die chinesische Gastfreundschaft und die politische Organisation des Volkes der Mitte. In den heutigen Ausführungen, mit denen er seinen Bericht beendet, vergleicht er die Zustände im China Mao Tse-tungs mit denen in Indien.

Daß in China alle gleichberechtigt sind, wurde uns überall, wohin wir kamen, in die Ohren gehämmert. Aber meine Ohren und meine Augen standen im Krieg miteinander. Tief unten sah ich die unendliche Elendsprozession der Rikscha-Jungen, deren Löhne erschreckend niedrig sind. Für eine Fahrt von ungefähr zwei Meilen (3,2 km) hat man nicht mehr als den Gegenwert, von vier Annas (22 Pfennig) zu bezahlen. Also überraschte mich ihre erbärmliche Bekleidung nicht. Aber als ich meine Blicke „zur Höhe“ erhob, sah ich eines Tages den Ministerpräsidenten Tschou En-lai zu einem uns von der Regierung gegebenen Bankett in einem Panzerwagen vorfahren, was für mich ein neues Rätsel war. Der Ministerpräsident des Volkes im Panzerwagen!

Schließlich gelang es uns, die chinesischen Arbeiter auszufragen. Die Ernährung des chinesischen Arbeiters – so erfuhren wir – ist im Durchschnitt schlechter als die des Inders. Die Nahrung des Chinesen besteht in der Regel aus Reis, Suppe und einem Gemüse. Solche Mahlzeiten sind sowohl in den Kantinen als auch in den Arbeiterwohnungen üblich. Im chinesischen Gelde muß der Arbeiter monatlich 100 000 bis 125 000 Yüan für die kärgliche Nahrung ausgeben (das sind etwa 20 DM). Und 150 000 Yüan sind ungefähr das, was der chinesische Arbeiter verdient.

Allerdings sind die Löhne nicht nur in jeder Industrie verschieden, sondern sie ändern sich auch von Fabrik zu Fabrik. Die Größe des Unterschieds zwischen dem Lohn eines Durchschnittsarbeiters und dem Gehalt eines Werkleiters ist mehr als auffallend. Als wir eine Zementfabrik bei Schanghai besuchten, erfuhren wir, daß der Werkleiter ein Monatsgehalt von 5 600 000 Yüan erhielt. (Das sind fast 1000 DM.)

Einmal nahmen wir an einem Kongreß der Gewerkschaften teil, auf dem Liu Shao-chi sprach, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas. Der Kehrreim seiner Rede lautete: Der chinesische Arbeiter muß mehr erzeugen, muß die Qualität der Waren, die er erzeugt, verbessern und gleichzeitig die Produktionskosten verkleinern. Mit einem Wort –: er verlangte Rationalisierung. Zu diesem Zweck sollten die Gewerkschaften die Arbeiter mit den kommunistischen Theorien vertraut machen. Dies, sagte er, sei der einzige Weg, neue Siege und größeren Ruhm für die chinesischen Arbeiter und ihren unfehlbaren Führer Mao Tsetung zu erringen. Auch der Vorsitzende der Allchinesischen Gewerkschaften, Lei Yo-Yu, hielt eine Rede und sagte, daß Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung ihre Rolle ohne die aktive Führung der Kommunisten nicht erfüllen könnten. Er sprach von der Notwendigkeit des Wettbewerbs zwischen den Arbeitern. Er führte Zahlen an, um zu beweisen, daß der Zustrom der Arbeiter in die Gewerkschaften anstieg. Die Gewerkschaftsschule hatte 111000 Arbeiter ausgebildet, von denen bereits 107 000 zur Aufnahme in die Kommunistische Partei empfohlen waren. Die Rede endete mit geeigneten Zitaten aus den Schriften von Mao Tsetung. Stürmischer Beifall folgte.

Ich führe diese zwei Reden an, um zu zeigen, daß es zwischen der Regierung Chinas und der sogenannten chinesischen Arbeiterbewegung keinen Unterschied gibt. Der Allchinesische Gewerkschaftsverband, früher als Allchinesische Arbeiterföderation bekannt, ist nichts als eine Variante des Arbeitsministeriums der chinesischen Regierung. Nicht umsonst gibt es ein Gesetz, das die Pflichten der Gewerkschaft festlegt: Die Arbeiter sind so zu erziehen, daß die Befehle des Staates ohne Schwierigkeiten befolgt werden. Andere Verordnungen bestimmen, daß jeder chinesische Arbeiter zwei Prozent seiner Verdienste an die Gewerkschaft abführen muß. Siebzig Prozent der auf diese Weise gesammelten Beträge sollen der Arbeiterversicherung zugute kommen, dreißig Prozent organisatorischer Arbeit. Aufgabe der Arbeiterversicherung ist die Sicherung von Krankenhilfe, Altersrente und dergleichen. Unter keinen Umständen dürfen die Arbeiter in den Streik treten. Ist die Gewerkschaft der Ansicht, ein bestimmter Arbeiter sei ohne genügenden Grund entlassen worden, so kann sie innerhalb einer Woche an die vorgesetzte Stelle ein Gesuch um seine Wiedereinstellung richten. Jedes Verlangen nach höheren Löhnen oder Kürzung der Arbeitszeit jedoch wird in diesem Arbeiterstaat als Staatsverbrechen betrachtet.