Das Funkprogramm ist ein Kaufhaus mit vielen Abteilungen. Die luxuriöseste Ware des Funks heißt "Nachtprogramm" oder "Nachtstudio". Diese anspruchsvollen Spätabend Sendungen werden zwar, wie die Hörerforschung ergeben hat, nur von fünf bis zehn vom Hundert der Hörer gehört. Aber selbst das sind allein im Sendebereich des NWDR, grob gerechnet, 300 000 bis 600 000 Hörer. Im allgemeinen des Programms wird der anspruchsvolle Hörer fortwährend erfordert mit seichter Musik und flachen Witzen — hier wird er oft überiordert mit einer Dialektik, die, ganz wenigen geläufig ist. Es ist ihm manchmal so, als ob er in einen magischen Zirkel blickt, von dem er selbst für immer ausgeschlossen sein wird. Ein Beispiel: Wer sich neulich vornahm, das Kölner Nachtprogramm "Macht und Ohnmacht des Vaters" einzuschalten, wird erwartet haben, daß er erfahren könne, wie sich bei uns unter dem Druck der Nachkriegsverhältnisse die Stellung des Familienvaters gewandelt hat und wieweit ihm die früher so selbstverständliche Autorität noch oder schon wieder zukommt. Nicht, daß davon unter den drei überaus klugen und gut orientierten Gesprächsteilnehmern (Dr. Härtung, Dr von Brück und Drl gar nicht die Rede gewesen wäre — aber doch nur ganz am Rande. Eine gewisse Unruhe der drei Diskutierenden ließ erkennen, daß ihnen selbst bewußt war, wie sie den Hörer zugleich überforderten und (sozusagen) unterernährten. Es sollte um "Macht und Ohnmacht des Vaters" gehen; aber es ging um Macht und Ohnmacht des Nachtprogramms. Donnerstag, lt. Februar, 22 20 aus Frankfurt: Daß das Bücherlesen ebensosehr eine Kunst ist, die geübt sein will, wie das Bücherschreiben — das wissen heute nicht einmal mehr alle Kritiker, obwohl doch gerade sie beide Künste in ach vereinigen sollten. Friedrich Sieburg weiß es. Er ist nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch ein Leser von hohen Qualitäten und darum gewiß berufen, über das Thema "Wie man Bücher lesen sollte" zu plaudern (mit Beispielen natürlich).

20 15 vom NWDR: Heinz Oskar Wuttigs Hörspiel "Der Mann aus den Wäldern" (vgl. DIE ZEIT Nr. 5) — 21 00 aus Frankfurt: Lieder mit Orchester von Mozart ("Mjsero o sogno" und "BeMo mia namma"), Mahier ("Fahrender Geselle") und Hindemith ( Marienleben") — 22 30 aus Stuttgart: Literarisches Porträt des großen Amerikaners und Wahlengländers Henry James — 23 15 vom NWDR: Das Neue Werk" mit Vokalmusik von Dallapiccola und IWladimir Vogel — 23 15 vom SWF: Im Nachtstudio Kompositionen von Hermann Reutter ("Bettellieder"), Johannes Drießler ("Galgenlieder") und Günther Raphael (Tokkata lür zwei Klaviere).

Freitag, 12. Februar, 22 10 vom NWDR: In Amerika ist alles anders — auch die Nacht. Der Unterschied wurde Robert Jungk, dem Verfasser des Buches mit dem schon sprichwörtlich gewordenen Titel "Die Zukunft hat schon begonnen", besonders klar, seitdem er wieder Nächte in Europa verbracht hatte. Nun erst konnte er die Impression "Amerika bei Nacht" für den Funk schreiben. Sie leitet das Hamburger Nachtprogramm ein, in dem dann Josef Müller Marein eine spezielle Seite des nächtlichen Amerika durchmustert: "Amerika im Jazz Und als Illustration hierzu (um 0 30): Stan Kenton, der Matador des "Coll Jazz", mit seiner 17 20 aus München: In der "Musik alter Meister" die Fantasie für drei Flöten von Pachelbel, zwei Arien von Cesti und Stefani und das Italienische Konzert von Badi — 19 30 vom NWDR: Funkeigene Aufführung von Verdis "Don Carlos" — 20 00 aus Bremen: Wladimir Vogels episches Oratorium "Thyl Claes", diesmal in der Aufnahme von Beromünster — 21 00 vom SWF: Hans Rosbaud dirigiert Werke von Ravel, die Spanien Bezug haben — 22 00 vom RIAS: Cesar Francks d moll Symphonie. Sonnabend, 13. Februar, 20 00 aus Stuttgart: Die Reize der Spielopern aus der Zeit des europäischen Biedermeier werden erst jetzt wieder empfunden, wo das Musikdrama mit seinem riesigen Orchester von der Kammeroper abgelöst ist. Wohl das köstlichste Werk jener Epoche ist Aubers "FraDiavolo", die heitere Oper von dem Kavalierräuber, dessen Anschlag auf die Ehre einer reisenden Lady an dem treuen Gemüt einer italienischen 4 Linfert) Wirtstochter scheitert. Wir hören sie in einer funkeigenen Aufführung.

8 40 vom SWF: Wilhelm Backhaus spielt Beethovens Sonaten op. 54 und 78 — 16 00 vom SWF: Erwin Vater spricht zu Bandaufnahmen, die er in "Burgunds Hauptstadt Dijon" gemacht hat. — 17 25 aus München: Von Josef Haydn das Streichquartett op. 74 Nr i und zwei Vokalquartette — 22 10 vom NWDR: Ricardo Odnoposoff spielt Nicolo Paganinis 2. Violinkonzert h moll.

Sonntag, 14. Februar, 22 30 vom RIAS: Daß Friedrich der Große Flöte gespielt hat (und zwar gut), ist allgemein bekannt. Nicht minder wichtig für die Musikgeschichte wurde aber das Cellospiel seines Neffen und Nachfolgers Friedrich Wilhelm II. Beethoven hat seine beiden frühen Cellosonaten für ihn komponiert, und Mozart stattete für ihn in seinen Streichquintetten den Cello Part besonders reichhaltig aus. Das AmadeusQuartett und der Bratschist Cecil Aronowitz spielen das Quintett in C Dur.

14 30 vom SWF: Das Ködcert Quartett spielt das Streichquartett Nr. 2 des "Jenufa" Kompomsteu Leo Janacek, — 15 30 aus Frankfurt: Der Archäologe Hans Wachtler berichtet über die seit 1933 ausgegrabene Hauptstadt des syrischen GroBreichs Mari — 18 20 aus Frankfurt: Das Studio Orchester Beromünster spielt unter Paul Burkhard (dem "Feuerwerk Komponisten) das Klavierkonzert von Moritz Moszkowskij (Solist: Stevan Bergmann) und Strawinskijs "Dartses concertantes" — 19 00 aus München: Max H v. Freeden, der beste Kenner Balthasar Neumanns, spricht über den großen fränkischen Barocfcarchitefcten, — 21 25 aus Bremen: "Die Häuser auf der Wolke", ein Funkmärchen v er: Se fa:n Andre? fdje Häuser von Positeno wollen die New Yorker Woifceafcrataer feerschir; ; Montag, 15. Februar, 22 15 aus Bremen: Mit Henri Clouzots künstlerisch grandiosem, aber nervenzerreibendem Film "Der Lohn der Angst" hat der deutsche Filmverleih eine überraschende Erfahrung gemacht: der Film wurde ein gutes Geschäft — nicht trotz, sondern wegen seiner Entsetzlichkeit Über "Das Geschäft der Angst" macht Heinz Friedrich sich und seinen Hörern Gedanken.

14 45 vom RIAS: Helmut Krebs singt die 26 Lieder des Zyklus "Der Sänger" von Othmar Schoedc r- 19 30 vom NWDR: Hans Rosbaud dirigiert Dvoiaks Violinkonzert Solist: Ruggiero Ricci) und die drei Orchesterstücke von Alban Berg — 20 00 aus Frankfurt: Eine Hörspielbearbeitung von Schillers "Räubern". — 22 10 vom NWDR: Hans Hennecfce, der beste deutsche Kenner moderner angelsächsischer Lyrik, zeigt im Nachtprogramm an Beispielen von Yeats, Ezra Pund, Gottfried Benn und anderen, wie sich "Tradition und Experiment in der Dichtung" gegenseitig bedingen — 22 20 aus Frankfurt: Werner Krug berichtet aus Welkom, der neuen riesigen Goldstadt am Rande des Oranje Freistaats.