Es gibt Anblicke, die uns über die Maßen erschüttern. Wenn der Strom des Fremdenverkehrs, so sehr auch der pure Geschäftssinn ihn reguliert, immer wieder vor dem Capitol zu Rom, vor Tempelresten der Mayas, vor den bröckelnden Pyramiden Ägyptens sich staut, so offenbart sich darin ein tiefes, geheimes Bedürfnis des Menschen. Und wenn wir im Alltag unseren Schritt und unser Herz vor den Trümmern verhalten, die der Bombenhagel des Krieges uns übergelassen, ist es im Grunde dasselbe. Wir erschauern vor dem Anspruch, den das Schicksal an das kleine, dürftige und ach so kurz befristete Menschenleben stellt.

Im Anblick der Ruine verspürt der Mensch, daß er nicht geschaffen ist, um etwas Dauernces zu vollbringen; daß er nicht dahin angelegt ist, je fertig zu werden. O nein: die flüchtige Zeit, als ein großer Wind, trocknet ihm den Lehm, den er kretet, unter den Fingern schon zu Staub, der unwiederbringbar verfliegt – zu dem Staub, aus dem er selber gemacht ist und zu dem er selber wieder wird, kaum daß er seines Daseins innegeworden. In Anblick der Ruine gewahrt der Mensch seine eigene Hinfälligkeit.

Denn einmal verweist ihn dieser Anblick in die Vergangenheit: in der Ruine vermutet er noch den schön belebten Grundriß, die unzerstörte Kontur, die ganze heile Fülle –, doch all seine tastenden Sinne holen nicht mehr zurück, was von dem gefräßigen Maul der Vergeblichkeit schon verschluckt ist. Und zum andern sieht er, durch die geborstenen Mauern und leeren Bögen hindurch, in die Zukunft: wie kurz nur in diese hinein wird, was er selber errichtet hat, zeugen von ihm, von seinem jetzt so gegenwärtigen Leben Also wird vor der Ruine sein Verhältnis zur Zeit bestimmt, seine Nichtigkeit in ihr, und wenn der Mensch ein logisches Wesen wäre, müßte er in diesem Anblick die Hände sinken lassen und für immer verstummen.

Aber der Mensch – das wird erst vor der Ruine offenbar – ist kein logisches Wesen, sondern, wie jede gelebte Weisheit, ein großes Paradoxon. So wahr es ist, daß ihm im Anblick der Ruine seine eigene Hinfälligkeit bezeugt wird, so wahr ist, daß die Ruine erst Kunde gibt von der Unerschütterlichkeit seiner Ambition, die im Verfall des jeweiligen Außenbildes rein zutage tritt; so wahr ist auch, daß die Ruine erst seine Tapferkeit bekundet: so zu leben, als hätte er ewig zu leben.

Im Anblick der Ruine lernt der Mensch, den Zweck zu verachten. Hier lernt er, daß er sich besiegt geben muß, um seine Ehre zu retten. Hier lernt er, Mensch zu sein.

Der Mensch, der wirklich lebt, lebt in der Gegenwart; er lebt in der Zeit genau an jener mathematisch gar nicht mehr bestimmbaren Strecke, wo die Zeit dünn wird und abzureißen droht, wenn die Vergangenheit nicht mit dem vollen Einsatz weitergelebt wird. An dieser Stelle hat er sich zu bewähren. Und eigentlich dürfen wir stolz sein auf das Menschengeschlecht: es hat die Hände nicht in den Schoß gelegt. Sonst lebten wir nämlich nicht mehr.

Das Leben angesichts der Ruine verdankt sich nur mehr dem methaphysischen Ehrgeiz des Menschen. Seine Hinfälligkeit ist bewiesen; nicht bewiesen ist sein dauernder Ruhm. Aber er findet es seiner würdig, keine Beweise in der Hand zu haben. Um so größer ist die Zuversicht im Herzen.