Anmerkungen zu einer Übersetzung und einer Polemik

Von Paul Hühnerfeldmi

Die Geistesgeschichte ersetzt ihre Kontinuität bisweilen durch Kuriosa. Eines der größten Kuriosa erlebt heute jeder mit, der sich für Philosophie oder Theologie, für Psychologie oder Anthropologie interessiert: es ist die Berufung vieler Wissenschaftler dieser Disziplinen auf den großen Dänen Sören Kierkegaard, den nur die wenigsten von ihnen, die ohne ihn nicht mehr auszukommen glauben, in Dänisch gelesen haben. Dieser Mangel allein nun ergäbe noch kein Kuriosum, wenn Kierkegaards Schriften in guten Übersetzungen vorlägen. Dies aber ist – wenigstens in Deutschland – bisher nicht der Fall gewesen. Der große geistige Revolutionär des Jahrhunderts, diese „an denRand einer Sardinenbüchse gepreßte Sardine (die in der Mitte haben’s gut)“, dieses „Versuchskaninchen für das Dasein“ – dies sind seine eigenen Worte – wurde zwar verhältnismäßig schnell und auch mit großer Liebe ins Deutsche übersetzt; auch haperte es dem Übersetzer – dem Theologen Schrempf – nicht eigentlich an Beherrschung der dänischen Sprache; wohl aber an Übersetzungstreue. Schrempf war ein recht eigenwilliger Geist, nicht ganz frei von Schulmeisterei, und so benutzte denn der Schulmeister die Gelegenheit des Übersetzens, dem Genie eine letzte Lektion zu erteilen: nach Schrempfs Meinung hatte Kierkegaard zum Beispiel Hegel nicht richtig verstanden; Schrempf „korrigierte“ das; auch war der Däne an manchen Stellen nach des Professors Schrempf gewissenhafter Meinung höchst „unlogisch“ verfahren; Schrempf modelte die Stelle zum „Logischen“ um! Und schließlich hatte Schrempf auch seine eigenen Absichten mit dem „Schüler“ Kierkegaard: der große Däne war ihm dazu da, gewisse theologische Erneuerungsideen zu propagieren, und wo Kierkegaard das nur zwischen den Zeilen tat, da schrieb Schrempf es hinein.

Dies ist die Übersetzung, aus der selbst führende Existenzphilosophen und Theologen ihren Kierkegaard bezogen haben; daß sie die roten Fäden seiner Gedankenwelt dennoch richtig verstanden – das ist das Kuriosum dieser „Kontinuität“.

Schrempf oder Hirsch...

Emanuel Hirsch, der erblindete Göttinger Theologe, einer der vorzüglichsten deutschen Kierkegaard-Kenner, hat sich nun nach dem zweiten Weltkrieg der schweren und verantwortungsvollen Aufgabe unterzogen, den dänischen Philosophen neu zu übersetzen. Ansätze zu solchen Neuübersetzungen waren schon mehrere gemacht worden; Hirsch jedoch hat nun dank der Unterstützung des Verlages Eugen Diederichs (Düsseldorf) schon sechs Bände herausgebracht; hier also scheint die Gewähr gegeben, daß in unermüdlicher. Arbeit die zweite, und zwar vollständige Übersetzung Kierkegaards ins Deutsche begonnen hat.

Wie steht es nun um die Übersetzungskunst Emanuel Hirsch’? Wird er in deutscher Spradie endlich den originalen Kierkegaard entdecken?