K. W. Berlin

Zwei Wochen Konferenz schaffen einen Zustand der Gewöhnung. Die „Straße des 17. Juni“, die geradewegs auf das Brandenburger Tor führt, war um drei Uhr mittags und zwischen sieben und acht Uhr abends in den letzten Tagen der vorigen Woche für die Wagenequipen der Außenminister Dulles, Eden und Bidault nur noch eine Rennbahn ohne Zuschauer. Die Berliner, die sich in den ersten Tagen bei 15 und 20 Grad zu Tausenden blaugefroren hatten, um den Akteuren eines hoffnungerweckenden Ereignisses nahe zu sein, gingen nicht mehr auf die Straße. „Es kommt ja doch nischt ’raus“, resümierte der Taxichauffeur, der einen nach Berlin Gereisten vor dem Sowjetdenkmal an der Ost-West-Achse absetzte.

Auch die Nervosität der vielen, vielen Journalisten ist einer beinahe langweiligen Routine gewichen. Sogar die Sensation, zur sowjetischen Pressekonferenz in den Ostsektor gehen zu können, ist kein Ereignis mehr; ebenso hat die Fahrt durch Ostberlin aufgehört, ein Abenteuer zu sein. Einmal freilich, am Ende der vorigen Woche, als unter den Riesenlüstern im Spiegelsaal der sowjetischen Botschaft die Konferenz stockte, schien für Stunden die Offenhaltung der Sektorengrenzen bedroht. Reisende, die aus Merseburg, aus Halle, aus Gera angekommen waren, berichteten in Westberlin von Versammlungen, die im Leunawerk, in den Maschinenfabriken Magdeburgs und anderswo stattgefunden hatten. Man hatte gelesen, daß Albert Norden, Karl Schirdewan, Fred Ölssner, Karl Matern, Willi Stoph überall in der Zone gesprochen und für Molotows Gegenvorschlag einer Volksabstimmung über den Friedensvertrag statt freier Wahlen geworben hatten. Daß aber Zwischenrufe „Wir wollen freie Wahlen“ gefallen waren, daß vor der geforderten Unterschriftensammlung die Fabriksäle sich geleert hatten – das hatten die sowjetischen Zeitungen verschwiegen. Molotow hat im Spiegelsaal am Freitag ein einziges Wort zu den Ereignissen des 17. Juni gesagt: Man habe Konsequenzen gezogen und Vorkehrungen getroffen. Tatsächlich sind im Ostsektor Berlins ungleich mehr Vopos zu sehen, und am Wochenende haben sich zu ihnen, die nach wie vor sehr liebenswürdig auftreten, vielfach Doppelstreifen der Roten Armee gesellt, die sehr schweigsam sind.

Besucher aus der Sowjetzone wissen zu berichten, daß die Polizeiformationen des ganzen russisch besetzten Gebietes zu Besprechungen und Übungen zusammengezogen seien. Vorerst hat keiner der ausländischen Journalisten die Zeit, einen Trip nach Leipzig oder Halle zu machen. Aber ein Amerikaner, der solche Möglichkeit der Zonenreise ins Auge faßte, ist auf die Zeit nach der Konferenz vertröstet worden. In Potsdam, in Sanssouci freilich sind in schön geordnetem und russisch gelenktem Konvoi ein paar Dutzend Auslandsjournalisten zu Besuch gewesen. Sie hatten wenig Zeit, sich umzusehen, und was sie in der sowjetischen Garnisonstadt fanden, war die freundliche Konferenzmaske, die auch überall in Ostberlin gezeigt wird.

„Heut gehn wir bummeln“, steht, bürgerlich salopp, auf einem Prospekt, der den westlichen politischen Schlachtenbummlern am Thälmannplatz, dem ehemaligen Wilhelmplatz, in die Hand gedrückt wird. Folgt man der Lockung, so gerät man ins „Clou“ in der Chausseestraße, wo es jetzt so liberal hergeht, daß nach Mitternacht sogar englisch-amerikanisch gesungen und getanzt wird. Im Tanzcafé „Melodie“ sind sogar Bardamen mit poliglotter Zungenfertigkeit für unbestimmte Zeit engagiert. Diskret weist ein kleines, kaum sichtbares Schild vor der notdürftig geflickten Ruine des einstigen „Adlon“ darauf hin, daß dies Restaurant berechtigt sei, „HO-Preise zu nehmen“. Doch die Berechtigung zu den hohen Preisen schließt freilich nicht aus, daß in den Kellern Mangelerscheinungen auftreten. Schon am sechsten Tage der Konferenz bedauerte der Oberkellner, den Wunsch nach einer Flasche Krimsekt augenblicklich nicht erfüllen zu können. Man erwarte aber Neueingänge. Sogar die einladende Eleganz von „Budapest“ und „Warschau“ in Ostberlins Paradestraße, der Stalinallee, hielt den Wünschen der westlichen Gäste nicht lange stand. Ob es sich um Tokaier oder kaukasischen Sekt handelte – die Besucher der zweiten Woche waren offensichtlich in Ostberlin nicht mehr vorgesehen.

Eines erfreut die Ostberliner, und das sind die grünen und roten Lichtreklamen, die vom dritten Konferenztage an über den Läden der Stalinallee, über der „Karl-Marx-Buchhandlung“, dem „Industrieladen“, dem Haus „Haarschmuck“ aufflammen. Wehmütig stimmt dabei nur, daß Minister Selbmann, der seit Monaten Gründe für die ständigen Stromsperren sucht, wo es seit Monaten mit der Stromerzeugung hapert, die interne Anweisung gegeben hat: Alles Licht für Berlin, und wenn die Zone vorübergehend sogar in der Industrie auf Strom verzichten muß!

Man sieht: die neue Freiheit ist nur für die Ostberliner, nicht für die Bewohner der Zone da. Die Reisesperre, die kurz vor Beginn der Konferenz eine Fahrt aus der Zone nach Berlin unmöglich machte, war ursprünglich bis zum 31. Januar begrenzt. Stillschweigend werden die Reisewilligen aus Erfurt und Magdeburg, aus Riesa und Görlitz aber weiter daran gehindert, das Klima in Berlin zu verändern.

Auch der „Grünen Woche“ haben sie in diesem Jahre um so mehr gefehlt, als eben diese alljährliche große Landwirtschaftsschau die Deutschen aus der Zone in hellen Scharen zum Blick ins westliche Schaufenster lockte. Statt dessen besuchten Dulles und Eden den blühenden Garten am Funkturm, desgleichen viele Beamte aus Edens und Bidaults Konferenzstab. Man sah sie als Gäste des Internationalen Deutschen Spring- und Reitturniers in den Funkturmhallen, wo es Sportereignisse ersten Ranges gab, zu denen auch Molotow und seine Begleitung Einladungen erhalten hatten. Aber dort, wo wirklich fröhliches Leben herrschte, suchte man Molotow vergebens...