Verbote werden nicht eingehalten – Familienminister Würmeling mischt sich ein

Es gibt von Jahr zu Jahr mehr moralisch minderwertige Filme, erklärte kürzlich die Filmkommission des Vatikans. Im Jahre 1952 habe sie noch 32 Prozent der Weltproduktion für Erwachsene (bedeutend weniger für Jugendliche) empfehlen können. Von den 486 Filmen, die man im Jahr 1953 geprüft habe, seien nur noch 25 Prozent empfehlenswert gewesen. Im Anschluß an diese Erklärung hat sich der „Observatore Romano“ in scharfer Form gegen eine große Zahl der neuer. Filme gewandt, die gegen die Grundgesetze der Moral verstießen. Der Schutz der öffentlichen Sittlichkeit sei jedoch nicht nur die Aufgabe der Zensoren, so bemerkte die vatikanische Zeitung. Er müsse Angelegenheit der gesamten menschlichen Gesellschaft sein.

Tatsächlich muß man anerkennen, daß die Verkäufer von Filmen – Produzenten, Verleiher und Filmtheaterbesitzer –, da sie einsichtsvoll genug sind, ihrem persönlichen Geschmack nicht zu trauen und ihre Urteilskraft nicht zu überschätzen, Gremien eingesetzt haben, um Filme auf ihr schleichendes Gift – Unmoral, politische und religiöse Taktlosigkeiten – zu prüfen. So arbeitet in Amerika seit 25 Jahren der Breen Office, der peinlich genau mit dem Zentimetermaß die zulässigen Ausschnitte der Damen bestimmt, mit der Stoppuhr die Länge der Filmküsse mißt und anstößige Worte aus den Dialogen streicht, und in Deutschland zensiert seit der Kapitulation die Freiwillige Selbstkontrolle des deutschen Films. Aber seit die Gremien bestehen, versuchen die Verkäufer ihnen von Zeit zu Zeit ein Schnippchen zu schlagen, um das Geschäft mit verbotener Ware doch zu machen. In jüngster Zeit hat sich der Produzent des amerikanischen Films „The moon is bitte“ (dessen in Hollywood gedrehte deutsche Version „Die Jungfrau auf dem Dach“ in diesen Tagen in Deutschland angelaufen ist) über das Urteil des Zensors einfach hinweggesetzt, und dieser Film stellt seitdem Recht und Möglichkeit der Filmzensur auf eine harte Probe.

Die in den Staaten einflußreiche römisch-katholische Legion of Decency, die schon das Broadway-Erfolgsstück von 1951 gleichen Namens (deutsch: Wolken sind überall) als „nicht einwandfrei“ bezeichnete, hat die Filmkomödie mit dem Bann belegt, diesen Bildstreifen von der jungen Naiven, die in einem munteren Gespräch mit einem Verehrer und einem Lebemann alle Dinge ausspricht und in amerikanischen Kinos noch nie erklungene Worte wie „jungfräulich“, „Geliebte“, „schwanger“ und „Verführung“ hören läßt, die ein junges Mädchen besser nicht aussprechen soll, wenn es sie schon kennt.

Fast zugleich übergab die mächtige Filmgesellschaft RKO ihren Film „The French Line“ dem Verleih, ohne die vom Breen Office verlangten Schnitte auszuführen, der einige Tanzszenen mit der üppigen Jane Russell wegen indecent exposure (unschicklicher Zurschaustellung) beanstandet hatte. Die Darstellerin selbst hatte sofort, als sie von den Bedenken der Zensoren hörte, erklärt, sie habe sich schon Sorgen über die Unsittlichkeit dieser Szenen gemacht. Ebenso wie ihre italienische Kollegin Gina Lollobrigida kürzlich gegen allzu freigebige Enthüllungen ihrer Schönheit protestiert hatte. Ob das aus Entrüstung oder Selbstreklame geschah, wer weiß es?

Die Filmproduzenten Hollywoods ergriffen die willkommene Gelegenheit, bei der Motion Picture Association of America anzuregen, es sei der Tag für eine Revision des Production Code gekommen, weil „das Publikum heute reifer sei als vor 25 Jahren“. Die Einflußreichsten unter ihnen haben aber wenig später wieder ihre Loyalität und ihr Vertrauen gegenüber dem Breen Office erklärt.

Gift für die Seele