Es ist Anlaß, einmal wieder auf den Komponisten Walter Abendroth zu verweisen: Helmuth Thierfelder hat in Hannover mit dem Niedersachsen-Orchester die Sinfonietta opus 32 uraufgeführt, und Radio Bremen bot seinen Hörern die Vierte Symphonie in C, opus 28, in der Aufführung durch das Bremer Philharmonische Staatsorchester unter Hellmut Schnackenburg. Da diese beiden Dirigenten – die für ihre Sorgfalt bekannt sind und für ihren Mut, auch unbequeme Wege zu gehen – sich der Werke Abendroths annahmen, haben wir allen Grund, ihre erfolgreichen Bemühungen zu konstatieren. Denn der Komponist Walter Abendroth – der mit Hugo Wolf und Hektor Berlioz gemeinsam hat, daß er zugleich auch Musikschriftsteller und Literaturkritiker ist – gehört der Redaktion der ZEIT an. Ein Redakteurposten als bloßer "Brotberuf"? Nein, andere Komponisten konzertieren, andere lehren; Abendroth redigiert jenen Teil der Wochenzeitung, der sich mit künstlerischen Sachen befaßt: das ist der ganze Unterschied.

Abendroth hat das Glück, daß er in den Musiklexiken unter A ganz obenan steht; er hat das Pech, daß er manchmal mit Hermann Abendroth, dem Dirigenten, verwechselt wird. Er hatte das Glück, daß er mit Hans Pfitzner befreundet war und sein Biograph wurde; er hatte das Pech, daß er seither als Schüler Pfitzners gilt (der keine Note Abendroths je gesehen hat) und deshalb einfacher- und irrtümlicherweise unter dem Register Pfitzner-Nachfolge gebucht wird; er hat das Pech, daß die Musiker seine Kompositionen auf den ersten Blick als spröde, ja als zu kunstvoll abtun; er hat das Glück, daß die ausführenden Künstler seine Partituren desto höher schätzen, je öfter sie sie spielen. Hier nun ist ein Umstand bemerkens- und beklagenswert, der fast alle modernen Tonsetzer trifft: Es ist einem angesehenen Komponisten meist nicht allzu schwer, ein neues Stück uraufführen zu lassen, weil schon das Wort "Uraufführung" im Programm das Interesse des Publikums und – der Kritiker erweckt. Regelmäßige Pflege ist es jedoch, was das Werk zeitgenössischer Komponisten braucht; und eben daran hapert es allenthalben.

Eben deshalb ist gerade Thierfelders und des Niedersachsen-Orchesters Bemühen so dankenswert. Das Orchester hat seinen Sitz zwar in Hannover, aber es kann nur existieren, weil es überall im niedersächsischen Lande gastiert, wo ein geeigneter Saal vorhanden ist. Diese Strapazen verlangen ein Prinzip: Lieber weniger Werke auf dem Programm, doch dafür in möglichst gründlicher Einstudierung. Das Ergebnis konnte man im riesig großen Saal der hannoverschen Niedersachsen-Halle miterleben, den Tausende von Mitgliedern der "Volksbühne" füllten. In den Beifall mischten sich keine Mißfallenskundgebungen, obwohl niemand damit rechnen konnte, daß etwa die kompositorischen Zwölf-Töne-Künste im langsamen Satz der Abendrothschen Sinfonietta von einer so großen Hörerschaft begriffen würden.

Dieser Kompositionsabschnitt zeigte übrigens deutlich einen wesentlichen Charakterzug der Abendrothschen Musik: Zwölf-Ton-System so korrekt, daß sich die "Reihe" schließt, wie Schönberg es nicht strenger hätte handhaben können; jedoch–: die harmonischen Konsequenzen der Themenentwicklung sind durchaus tonal. Ja, man könnte meinen, ein Ironiker – als der sich Abendroth als Schriftsteller gelegentlich erweist – hätte Wert darauf gelegt, die Ultra-Modernen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Doch wäre es falsch, den Fall so anzusehen: In der Vierten Symphonie Abendroths steht nach einem vitalen Eingangssatz ein auf Streicherglut angelegtes Adagio (übrigens: wie wenige Gegenwartskomponisten sind noch in der Lage, so echte Adagio-Sätze zu schreiben!), das – so streng es immer in seiner Linearität angelegt ist – eine große melodische Intensität entfaltet. Man könnte diesen Ausdruck romantisch nennen, wäre er nicht Persönlichkeitsmerkmal und – man scheut sich fast, das Wort zu nennen: Selbstbekenntnis.

Die ausgezeichnete Interpretation durch Hellmut Schnackenburg, der jedem Kapellmeister-Effekt auswich, obwohl die wuchtig angelegte echt symphonische Steigerung im Schlußsatz dazu hätte verführen können, machte klar, was das Wort von der "kompositorischen Ehrlichkeit" besagt: Was in dieser Partitur blüht, ist weder in fremden Gärten gepflückt, noch in freundlichen Gefälligkeits-Sequenzen zum Zweck der Klang-Auffüllung herbeigezaubert. Im Gegenteil: Hier ist noch einmal einer, der es vermag, seine Gebäude aus zweckvollem Material – und nur aus diesem – zu errichten. Ein Künstler, der es nicht bloß ehrlich meint, sondern einer, der ehrlich ist! Josef Marein