Die gesellschaftliche „Enttypisierung“ des modernen Menschen macht die Aufgabe, eine Komödie zu schreiben, schwieriger und reizvoller. Denn früher, vom mittleren attischen Lustspiel bis zur Wiener Komödie des neunzehnten Jahrhunderts, brauchte der Autor nur die ständisch geformten Typen aus Marktplatz, Werkstatt und Salon auf die Bühne zu rufen und sie mit ihren Gedanken denken, mit ihren Worten reden zu lassen. Und doch zeigt sich die Loslösung des Individuums von dem ihm durch den „sozialen Zufall“ auferlegten Typus gerade bei Raimund und Nestroy: ihre raisonnierenden Handwerker und Vagabunden haben ihren ständischen Ort nur noch als Abstoßpunkt, von dem aus sie sich in das Menschlich-Allgemeine erheben.

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Die Enttypisierung des modernen Menschen, die wir in der Literatur gespiegelt finden, hat auch auf die Geschlechter übergegriffen. Wer würde heute noch versucht sein, von typisch „männlichen“ und „weiblichen“ Eigenschaften und Wesenszügen zu sprechen und seine Figuren damit auszustatten? Selbstverständlich hatte es sich dabei auch früher immer um Klischees gehandelt, die man der Wirklichkeit auferlegte. Aber daß dies mit gutem Gewissen nicht mehr möglich ist, deutet doch eine Wandlung an, die eine auf seelische Vorgänge gerichtete Geschichtsbetrachtung als positiv berühren müßte...