Nach dem Tode Stalins verkündete die neue Moskauer Regierung einen grundsätzlichen Wandel ihrer Wirtschaftspolitik: es sollten gewisse geplante Großvorhaben zurückgestellt, die Investitionen in der Schwerindustrie beschränkt und dafür die Produktion von Konsumgütern und Nahrungsmitteln bevorzugt werden. Nachstehend untersucht Prof. Dr. Kiesewetter (Deutsches Institut Wirtschaftsforschung, Berlin) die Hintergründe dieser neuen Tendenzen. Im Hinblick auf die gerade in den letzten Wochen in Moskau von privaten Handelsdelegationen aus Großbritannien, Frankreich und Belgien geführten Besprechungen zur Ausdehnung des gegenseitigen Handels dürfte dieser Beitrag besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Die angebliche Hebung des sowjetischen Lebensstandards durch eine Steigerung des Verbrauchs war schon im Sommer 1951 das Ziel der Moskauer Konferenz gewesen, auf der die Bereitschaft zum Abschluß von Milliardenaufträgen an Westeuropa zum Einkauf von Konsumgütern verkündet worden war. Aber weder die Moskauer Konferenz noch die Ost-West-Konferenz in Genf ein Jahr später hatten zu greifbaren Ergebnissen geführt. Die Vermutung ist nicht abwegig, daß die Sowjetregierung mit den auf der Moskauer Konferenz verkündeten Parolen die Verschärfung des entgegengesetzten Kurses verschleiern wollte; denn das Gegenteil einer Konsumbelebung setzte ein, nämlich die Erweiterung des Rüstungspotentials der UdSSR. So wurden Fabriken, die für die Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen bestimmt waren, auf Panzerfabrikation umgestellt und der Druck auf die Lebenshaltung verschärft. Die Erzeugung von Produktionsmitteln stieg auf der Basis 1940 = 100 in 1953 auf 300, die Nahrungsmittelproduktion aber nur auf141.

Diese einseitige Übersteigerung der Schwerindustrie, an sich ein Merkmal sämtlicher Fünfjahrespläne ist, soll nunmehr durch die verkündete Umstellung der Wirtschaftspolitik eine Korrektur erfahren. Diese Korrektur erfolgt jedoch erst, nachdem durch Erweiterung bestehender und den Bau neuer Rüstungsfabriken das Rüstungspotential ein solches Ausmaß erreicht hat, daß die Sowjetunion es sich leisten kann, die für die Rüstung eingespannten Fabriken jetzt wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zur Produktion von Vsrbrauchsgütern zuzuführen. Der Druck auf die Lebenshaltung war so stark, daß er schließlich auch die Höchstleistungsfähigkeit des Rüstungsapparates zu beeinträchtigen drohte.

Dem Ausgleich der divergierenden Entwicklungstendenzen kam die UdSSR zu Beginn 1953 mit Preis- und Steuersenkungen nicht unbeträchtlichen Ausmaßes entgegen. Diese Maßnahmen mußten aber bei dem allgemeinen Warenmangel verpuffen. Die Sowjetregierung konnte also mit „monetären“ Mitteln nichts erreichen, sondern mußte eine Umstellung der Produktionskräfte vornehmen, um durch Einsparung auf der einen Seite ihren Einsatz an anderer Stelle zu ermöglichen. Allerdings vollzieht sich eine solche Umstellung bei der Größenordnung, wie sie in der UdSSR vorhanden ist, und dem schwerfälligen Planungsapparat nicht in kurzer Zeit. Deshalb muß die Sowjetunion, wenn sie das verkündete Ziel verwirklichen will, innerhalb der Übergangsperiode verstärkt auf die Einfuhr zurückgreifen. Dabei entsteht die Frage, ob der verkündete Umschwung in der Wirtschaftspolitik auf einen Dauerzustand hindeutet oder nur zeitbedingt und kurzfristig gedacht ist. Die Planzahlen für 1953 bis 1956 steigen bei Fleisch von 1,865 auf 3 Mill. t, bei Butter von 400 000 auf 650 000 t, bei Pflanzenfett von 1,077 Mill. auf 1,650 Mill. t und bei Zucker von 3,6 Mill. auf 5,3 Mill. t, wobei die Zahl der aus diesen Mengen zu versorgenden Personen nicht festzustellen ist. Die jährlichen Zuwachsraten bei diesen Erzeugnissen liegen zwischen 16 und 18 v. H., nur bei Zucker sind sie etwas niedriger.

Die Umstellung in der Landwirtschaft geht naturgemäß langsam vor sich, selbst unter der Voraussetzung, daß die Sowjetregierung an der verkündeten Zielsetzung festhält und Menschen und Material der Landwirtschaft zur Verfügung stellt. Etwas schneller könnte der Umstellungsprozeß in der Konsumgüterindustrie vor sich gehen, wenn nicht der Rohstoffengpaß vorhanden wäre. Die Produktion von Baumwollstoffen soll 1953 bis 1956 von 5.3 Mrd. auf 6,5 Mrd. m (also um 22 v.H.) steigen, die Erzeugung von Wollstoffen von 200 Mill. auf 335 Mill. m (+ 68 v. H.) und von Lederschuhen von 241 Mill. auf 360 Mill. Paar (+ 49 v. H.). Die jährlichen Zuwachsraten sind am stärksten bei Wollstoffen (12 bis 24 v. H.), da die UdSSR zu Dreiviertel ihres Wollbedarfs Selbstversorger ist. Trotzdem reichen die geplanten Produktionsmengen, wenn man sie auf den Kopf der Bevölkerung umrechnet, bei weitem, nicht aus, um von einer wesentlichen Erhöhung des Lebensstandards zu sprechen. 1953 bis 1956 soll entsprechend den Planzahlen je Kopf steigen: der Verbrauch an Baumwollstoffen von 22,9 auf 29,9 m, an Wollstoffen von 0,9 auf 1,5 m und an Lederschuhen von 1,2 auf 1,7 Paar.

Um die durch die einseitige schwerindustrielle Produktionsrichtung auf anderen Produktionsgebieten entstandenen Lücken auszufüllen, muß die Sowjetregierung die Einfuhr erhöhen. Dieses Bestreben hat zur Belebung des Ost-West-Handels beigetragen. Die UdSSR hat 1953 in erster Linie eingeführt: Maschinen, Schiffe, Stahl, Aluminium, Metallwaren, Kessel, Kräne, Blei, Kork, Seiden- und Wollwaren und auf dem Nahrungsmittelgebiet vor allem Butter – und dagegen angeboten: Getreide (besonders Weizen), Ölkuchen, Sojabohnen, Kohle, Öl, Holz, Mangan- und Chromerze, Felle, Seefische. In diesen Warenlisten spielen die Nahrungsmittel und Konsumgüter keineswegs eine dominierende Rolle. Die Tatsache, daß die UdSSR wie auch die anderen Ostblockländer oft in Lieferungsverzug gerät und ihre Verpflichtungen z. T. in Gold und Platin abdecken muß, ist ein Beweis dafür, daß sie die entsprechenden Komplementärgüter nicht immer zur Verfügung stellen kann. Die Einfuhr der Sowjetunion aus den 18 OEEC-Ländern zeigt 1952 und in den beiden ersten Quartalen 1953 eine stetig fallende Tendenz: von 113,9 Mill. $ im ersten Vierteljahr 1952 auf 58,7 Mill. $ im zweiten Vierteljahr 1953. Hauptpartner waren England und Finnland, die zusammen im ersten Vierteljahr 1952 rund 70 v. H. der sowjetischen Einfuhr aus den OEEC-Ländern stellten, im zweiten Vierteljahr 1953 noch 66 v. H., wobei allerdings eine Umlagerung auf Finnland stattgefunden hat, das in dieser Zeit seinen Anteil von 13 v. H. auf rund 50 v. H. erhöhen konnte. Alle anderen europäischen Länder spielen demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Die Ausfuhr der UdSSR in die 18 OEEC-Länder hat sich in der gleichen Zeit unter Schwankungen besser gehalten. Während 1952 für die Sowjetunion noch ein nicht unerhebliches Passivum von vierteljährlich durchschnittlich 32 Mill. $ vorhanden war, zeigte die Handelsbilanz im ersten Halbjahr 1953 die Tendenz zum Ausgleich; An der sowjetischen Ausfuhr in die OEEC-Länder war im Vierteljahresdurchschnitt 1952 Finnland mit 47 v. H. und Schweden mit 17 v. H. beteiligt. Im ersten Halbjahr 1953 gingen sogar 61 v. H. nach Finnland.

Die Reden führender sowjetischer Regierungsmitglieder haben die Hoffnungen auf eine Intensivierung des Ost-West-Handels in der Annahme belebt, daß die von der UdSSR eingeleitete neue Wirtschaftspolitik von Dauer sei. Wenn man demgegenüber die Erfahrungen betrachtet, die die Länder bisher im Handel mit der Sowjetunion und den übrigen Ostblockstaaten gemacht haben, muß man das bezweifeln. Nach einer Schätzung des „Economist“ auf Grund sowjetischer Angaben beträgt der Anteil des sowjetischen Imports von Ländern außerhalb des Ostblocks an der sowjetischen Versorgung insgesamt nur 1 v. H. Bei der in der UdSSR offiziell vertretenen Autarkietendenz und aus der Tatsache, daß der Außenhandel sowohl im Volumen als auch im Wert in die Wirtschaftsentwicklung eingeplant ist, ist zu entnehmen, daß die Sowjetunion ihn nicht als eine Existenzfrage, Sondern nur als ein für die Deckung des Bedarfs gewisser seltener Einfuhrgüter nicht zu vermeidendes Übel ansieht.

Die Erfahrung hat gezeigt, daß mit dem fortschreitenden Ausbau der heimischen Industrie der Anteil des Importes auf den betreffenden Produktionsgebieten zurückgeht. Da die Qualitätsfrage der Konsumgüter innerhalb der Ostblockstaaten nicht von so entscheidender Bedeutung ist wie im Westen, wird man sich auch mit den vorerst relativ schlechteren Rohstoffen, die der Ostwirtschaftsraum bietet, begnügen und nur für die feineren Qualitäten, die meist nur für einen kleineren Kreis von Verbrauchern bestimmt sind, hochwertigere Rohstoffe und Verbrauchsgüter einführen. Ein auf die Dauer gedachter Außenhandel in einem wesentlichen Umfang wäre der Ausdruck dafür, daß die UdSSR sich bewußt auf einen Weltmarkt einstellt und sich in den Rahmen einer gewissen internationalen Arbeitsteilung einfügt. Die Entscheidung in dieser Frage wird aber niemals eine wirtschaftliche, sondern kann nur eine politische sein und hängt mit der gesamten Weltpolitik der Sowjetunion zusammen.