Was ist ein Radjpramuk? – Besuch bei Indiens Ex-Fürsten

Von Marion Gräfin Dönhoff

Madras im Februar

Eines Nachmittags gegen fünf Uhr wanderte ich die Hauptstraße von Heiderabad entlang, als plötzlich in Weiter Ferne ein Pfiff ertönte, der von dem Verkehrspolizisten der jeweiligen Straßenkreuzung weitergegeben wurde. Diese Kettenreaktion von Pfiffen ließ für Sekunden den Verkehr erstarren. Die Fußgänger erklommen das Trottoir, und die Autos und Ochsenkarren rückten an die Seite. Und siehe: Eine schwere Limousine kam in rascher Fahrt die Hauptstraße herauf. Ein alter Herr saß bewegungslos im Fond, neben ihm eine junge Dame. „Das ist der Nizam“, so hörte ich. „Er fährt jeden Tag um die gleiche Zeit den gleichen Weg.“ – „Aber warum tritt dabei die Polizei in Aktion?“ wollte ich wissen, denn ich erinnerte mich der kriegerischen Episode von 1948, in der Indien den Staat Heiderabad zur Übergabe und die Regierung zur Abdankung gezwungen hatte. Die Antwort war verblüffend: „Ja, der Nizam ist doch der Radjpramuk.“

Was ist ein Rädjpramuk? Er ist, staatsrechtlich gesehen, eine Art Staatspräsident und politisch der Kompromiß, mit dem Nehru den ehemaligen Herrschern, nämlich den mohammedanischen Nizam und den hinduistischen Maharadschas, ihren Abgang versüßte, indem er ihnen die Möglichkeit gab, bei der demokratischen Wahl mit zu kandidieren. Auf diese Weise sind einige Fürsten der großen Staaten für Lebenszeit Zum Radjpramuk erwählt worden. Allerdings bleibt ihnen, da die eigentliche Regierung natürlich vom Parlament ausgeübt wird, nur eine repräsentative Funktion.

Vier Millionen für Repräsentation

Der alte Nawab, ein mohammedanischer Aristokrat, dem ich einen Brief überbracht hatte und der so freundlich war, mich von einem Minister zum anderen zu schleppen und mir bei alledem die Spitzfindigkeit des Staates Heiderabad erläuterte, dessen Oberschicht überwiegend mohammedanisch ist, der alte Nawab sagte, der Nizam habe auch die Pflicht, die Gesetze gegenzuzeichnen. „Und was passiert, wenn er seine Unterschrift verweigert?“ – „Oh“. meinte er erschrocken, „das ist auch nie vorkommen werde, Mir schien, daß es wohl auch nie vorkommen werde. Es wäre ja auch schön dumm vom Grund wenn er der Zentralregierung in eingebüßten Grund zum Ärgernis gäbe. Für seine eingebüßten Rechte erhält er immerhin etwa vier Millionen DM jährlich als Apanage.