Der große Mann im Nachthemd gehört zu den dankbaren Vorstellungen, mit, deren Hilfe sich der weniger Begnadete am Schicksal schadlos hält. Daneben aber gibt es zu allen Zeiten auch die echte Bemühung um das Verständnis bedeutender Menschen aus Geschichte und Gegenwart. Die Diktatur drängte das biographische Interesse in die Geschichte ab, denn allein der historische Abstand verleiht den Enthüllungen Straffreiheit. Heute ist dem Schriftsteller die Gegenwart wieder offen, und das allzu menschliche Bedürfnis nach dem Schlüssellochblick auf eine dem Alltagsdasein entzogene Prominentenintimität kann von einer Zuvielzahl von Illustrierten und Wochenendblättern befriedigt werden. Der historische Roman ist darum seltener geworden, vielleicht auch besser, da der freiwillige Historiker größere geistige Gestehungskosten in Kauf nimmt. Dafür spricht jedenfalls der Rabelais-Roman von Ernst Sommer Doktor Rabelais, Nest-Verlag Nürnberg, 1953, 324 S., dem hier eine bemerkenswerte Synthese von Leben, Werk und romanhafter Interpretation eines erstaunlichen Geistes gelungen ist.

Die überlieferten Daten aus Rabelais’ Werdegang belassen genügend Lücken, die einer freien biographischen Motivierung und Deutung der Ereignisse Raum geben. Sommer hält sich gewissenhaft an die wichtigsten Stationen: die Jugend in der fröhlichen Touraine, die Leiden des jungen Franziskaners, dessen unstillbarer Wissensdurst den strengen Ordensbrüdern verdächtig wurde, die erlebnisreichen Romreisen als Leibarzt eines großen Gönners, der Verkehr mit den führenden Gestalten des Humanismus. Eine wein- und bildungsselige Freundschaft des Bettelmönchs mit jungen Adligen erklärt bei Sommer die Hilfe, die der Verfasser des Pantagruel bei hohen Kirchenfürsten gegen die Inquisition findet. Mit dem Ablauf von Freuden des Erfolgs und Ängsten vor dem drohenden Scheiterhaufen verflicht Sommer überaus geschickt die einzelnen Stadien der Entstehung der ergötzlichen, lehrreichen und satirischen Geschichte von den Riesen Gartangua und Pantagruel, läßt deutlich werden, wie sich das befreiende Lachen der Renaissance aus einer dumpfen Welt geistiger Enge in der Groteske des Pantagruelismus löste, wie sich die unverwüstliche Heiterkeit eines grundgelehrten Kopfes und der unbeirrbare Glaube an die letztliche Güte von Mensch und Welt in dem freien humanistischen Bildungsideal der fiktiven Abtei Thelema niederschlagen konnte.

Sommer bringt die Epoche der unter Schmerzen vollzogenen Befreiung der Kreatürlichkeit aus erstickender Bevormundung und den Lebensgang Rabelais’ zu einer Kongruenz, aus der sich der Geist von Rabelais’ Werk gleichsam von selbst ergibt. „Essend und trinkend“ wollte Rabelais erkennen; sein naturalistisch-optimistisches Menschenbild, aus dem Bewußtsein der auf sittlicher Autonomie erwachsenen Geistesfreiheit trug ihm die erbitterte Feindschaft der katholischen wie der reformatorischen Ereiferer ein, und es ist nicht das geringste Verdienst von Sommers Buch, daß es seinen Helden nicht als einen Reformator und Märtyrer glorifiziert, sondern den echten Rabelais vorstellt, der den Wahlspruch von Thelema: „Tu, was du willst“, als Ausdruck der freien Entfaltung von Geist und Körper verstand und den darum auch das Ressentiment des Verfolgten nicht zur Intoleranz verleiten konnte.

Der ganze Rabelais scheint uns in der Tat bei Sommer da zu sein, gerade auch in den erfundenen Teilen; gelegentlich wird sogar etwas von der gigantischen sprachlichen Sturzflut der rabelaisischen Bücher spürbar, die der französischen Sprache immerhin rund sechshundert neue Wörter schenkte. So bietet sich, abgesehen von einem etwas zu düster getönten Hintergrund, Ernst Sommers Roman als eine überzeugende Leistung dar, die, ihrem Gegenstand vollauf gerecht werdend, das geschichtliche Recht des intellektuellen Muts und des Glaubens an eine naturgegebene Perfektibilität des Menschen belegt. Erich Köhler