Von F. K. Mathys

Ich habe nicht Arme, nicht Mark wie ihr; doch hab’ ich, was euch allen fehlt – Mut und Verachtung“, ließ Goethe sein Klärchen im „Egmont“ ausrufen. Es hat im Verlauf der Geschichte nicht nur Männer, sondern auch Frauen von außerordentlicher Kraft und erstaunlicher Kühnheit gegeben. Auch die Zahl jener Frauen, die große sportliche Leistungen vollbracht haben, ist groß. Die Leibesübungen sind immer ein integrierender Bestandteil der Kultur gewesen, und nicht nur die sagenhaften Amazonen der griechischen Mythologie haben sich durch Kraftleistungen ausgezeichnet, sondern auch viele andere Frauen in den folgenden Jahrhunderten.

Am Anfang des Sportes der Frauen steht die mythologische Figur. Als erste Atalante, jene heldenmütige Jungfrau, die an der Jagd des kalydonischen Ebers so rühmlichen Anteil hatte. Ihr Vater, der sich nur männliche Nachkommen gewünscht hatte, setzte Atalante nach ihrer Geburt in einem Walde aus, wo das Kind von einer Bärin gefunden und gesäugt wurde. Als später Jäger die Gegend durchstreiften, fanden sie eine blühende Jungfrau, die bärenstark und schnellfüßig wie das schnellste Reh war und wie die Göttin Artemis erstrahlte. Nachdem ihre Eltern sie wieder gefunden hatten, wollte ihr Vater Atalante verheiraten. Aber keiner der Freier gefiel ihr, und um den lästigen Schwarm der Verehrer zu verscheuchen, schlug sie einen Wettlauf vor, und gelobte jenem zu folgen, der sie besiege, alle andern aber zu töten. Trotz der harten Bedingung wollten etliche Verehrer die schöne Jungfrau als Preis erobern. Diese Leute wurden von dem Jüngling Hippomenes verlacht, weil sie eines Weibes wegen zu solchen Torheiten fähig seien. Als aber dieser junge, elegante Mann die strahlende Atalante selbst erblickte, verstummte er vor Liebe. Wie ein Pfeil flog die kühne Läuferin über die Rennstrecke, und obwohl sie ihren Gegnern einen Vorsprung einräumte, überholte sie alle. Am Ziele angelangt, schoß sie die weit zurückgebliebenen Freier mit sicheren Bogenschüssen nieder. Hippomenes, der das sah, stellte sich dennoch zum Kampfe. Er siegte durch eine List. Die beiden wurden das erste Paar, das sich auf der Rennpiste gefunden hat.

Das klassische Altertum mit seinem hohen Körperideal kannte aber keine eigentliche sportliche Betätigung der Frau. Die Leibesübungen waren – außer in Sparta – durchaus eine Angelegenheit der Männer. Einzig im Tanz durften sich Mädchen üben, wie dies schon im alten Ägypten Mode gewesen war, und beim Baden und Schwimmen hatten – wie aus griechischen Vasenbildern hervorgeht – auch die Frauen gewisse Freiheiten, während in der germanischen Mythologie vom leichtathletischen Dreikampf der Königstochter Brünhilde die Rede ist. Älter noch als alle diese Nachrichten über den Frauensport ist das chinesische Kong Fou, eine Art Heilgymnastik, die seit dem Jahre 2698 v. Chr. im Lande der aufgehenden Sonne von beiden Geschlechtern ausgeübt wurde und in vielem der sogenannten schwedischen Gymnastik Pehr Henrik Lings (1776–1839) ähnelt.

Zur Zeit der Minnesänger aber war der Mädchen und Frauen erstes Spiel des Sommers das Ballen. So jedenfalls berichten uns Walther von der Vogelweide und Johann von Würzburg in ihren Poemen. Diese Ballpiele, an denen Damen und Herren gemeinsam teilnahmen, verliefen meist nach den Regeln, die uns der italienische Geistliche und Humanist Poggio Bracciolino 1417 aus dem aargauischen Bäderstädtchen Baden in der Nähe von Zürich überliefert hat, wo sich Herren und Damen auf einer Wiese Bälle zuwarfen. Man spielte sie immer jener Dame oder jenem Kavalier zu, welcher einem am besten gefiel, oder der Person, die man liebte. Später war das Ballspiel ein ausgesprochen weibliches Spiel, und 1427 trat in Paris die 28jährige Belgierin Margot auf, die im Ballhaus Grenier St. Lazare alle Konkurrenten, auch die männlichen, schlug. Der Chronist berichtet, man sei hingegangen, um etwas Seltenes zu sehen. Zu jener Zeit spielte man auch das Jeu de paume oder courte paume, eine Art Hallentennis, aus dem Tennis dann auch hervorgegangen ist, noch ohne Schläger, mit der bloßen, unbehandschuhten Rechten. Erst später wurden aus Handschuhen Raketts. Als die Engländer den bei diesem Spiel obligaten Ausruf Tennez! hörten, übernahmen sie das Wort als „Tennis“ und schufen mit etwas anderen Regeln jenes Rasenspiel Lawn Tennis, das heute freilich bei uns kaum mehr auf Rasen gespielt wird, an welchem aber immer mehr Frauen teilnehmen.

Weit verbreitet waren damals auch die Frauenwettläufe in Italien wie in Deutschland und der Schweiz. In Viterbo und in Assisi liefen die Frauen mit einem Krug voll Wasser auf dem Kopfe um die Wette. Wettläufe als Bestandteile von Volksfesten gab es auch noch anderwärts. So wird aus München berichtet, daß im Jahre 1448 an einer solchen Konkurrenz „gute gesellen und frawen und töchter“ teilnahmen, und daß in Nördlingen 1442 „hübsche frawen und gemeine weiber“ um die Wette liefen. Ausartungen, die bei solchen Wettläufen immer vorkamen, verleideten schließlich den ehrbaren Weibern die Teilnahme. Am St. Bartholomäustage fand im württembergischen Groningen am Neckar alljährlich das Mädchenlaufen statt, wobei die laufenden Schäferinnen sogar von einem reitenden Amtsrichter zu Pferd begleitet wurden. Dieser reitende Schiedsrichter hatte einzugreifen, wenn es beim Lauf unfair zuging, und sich die Konkurrentinnen gegenseitig durch allerlei Mätzchen zu benachteiligen suchten. Doch nicht nur zu Fuß, auch zu Pferde und in Boten wurden Wettrennen von Frauen ausgetragen. Vor allem in Venedig wollten es die Frauen den männlichen Gondolieri gleichtun und ihre Gewandtheit und Kraft im Rudern üben. Als Henri III. von Frankreich um die Mitte des 16. Jahrhunderts der Lagunenstadt einen Besuch abstattete, veranstalteten die Frauen Ruderregatten, bei welchem sich die Bewohnerinnen der Insel Palestrina besonders auszeichneten. Berühmt geworden sind auch die Frauenregatten von Triest.

Meist adelige Amazonen taten es hoch zu Roß ihren sagenhaften Vorfahrinnen in Scythien gleich. Bis ins 12. Jahrhundert saßen auch sie rittlings zu Pferde, genau so wie die Frauen der alten Reitervölker, der Indianer, Tataren, Mexikaner, Albanesen und Rumänen. Aber englische und französische Damen bevorzugten schon sehr früh den Quersitz auf dem englischen Damensattel, der von Königin Anna, der Gemahlin Richard I., im 12. Jahrhundert erfunden worden sein soll. Das ganze Mittelalter hindurch mußten sich reisende Frauen zwangsläufig des Pferdes bedienen, weil die Straßen für Fahrzeuge viel zu schlecht waren. Die Damen saßen seitwärts auf einem Kissen, ihre Füße ruhten auf den am Gurt befestigten, oft in kunstvoller Form ausgeführten Stegreifen von Metall oder Leder. Das Aufsteigen geschah mit Hebeisen oder Schemeln oder von fest an die Häuser gemauerten Tritten, wie sie zum Beispiel in Basel noch am Schlüsselberg zu sehen sind. Für die höfische Frau gab es einen strengen Reitkodex. Sie sollte sich, sobald sie anritt, gegen des Pferdes Haupt kehren, ihre Hand nicht aus dem Gewand recken und ihre Augen und das Haupt fein stille halten. Einem Ritter wäre es übel angestanden, wenn er wollte reiten und eine Frau angehen. Auch sollte er nicht freventlich in das Roß der Dame hineinreiten und sie damit erschrecken. Im 17. Jahrhundert haben Frauen wohl mehr als früher an Jagden teilgenommen oder bei Falkenbeizen. Durch all die Jahrhunderte blieb das Reiten ein Privileg der Feudalen, und darum hing man in diesen Kreisen auch so zäh, bis zum Beginn unseres Jahrhunderts, am Damensitz.