In der abgelaufenen Börsenwoche fuhr man in der Liquidation aller jener Hoffnungen fort, die im Zusammenhang mit der Berliner Viererkonferenz im Hinblick auf eine deutsche Wiedervereinigung gehegt worden waren und die sich in der festen Haltung der sogenannten Ostwerte widerspiegelten. Wenn es bei den Aktien zu keiner allgemeinen Abwärtsbewegung kam, dann liegt es einmal an den sich abzeichnenden Aussichten für einen verstärkten Osthandel, an dem auch die Bundesrepublik Anteil haben muß. und zum anderen an der Tatsache, daß nach einem Scheitern der Berliner Konferenz der EVG-Vertrag wieder eine Chance bekommt, der ohne Zweifel für einige Industrien, neue Impulse bringen würde. Zu den Faktoren, die das Börsenbild gegenwärtig günstig beeinflussen, zählen die Anhebung des Dividendenniveaus und daneben noch immer die besser gewordenen Aussichten für die Freigabe des beschlagnahmten Vermögens in den USA.

Während sich zum letzten Punkt bei den meisten Gesellschaften bereits ein gesunder Realismus bemerkbar macht, ist die Spekulation in Schering-Aktien noch in vollem Gang. Der Kurs schwankte in der letzten Woche zwischen 224 – 202 – 229 – 225 – 228 v. H. Soweit sich erkennen läßt, sind die ungewöhnlichen Differenzen auf den Einfluß ausländischer, wahrscheinlich amerikanischer Käufer zurückzuführen. Schifffahrtsaktien, die einige Tage ebenfalls auf Grund von Vermögensfreigabehoffnungen haussiert wurden und dadurch einen Stand erreichten, der angesichts der Kapitalentwertungskonten geradezu phantastisch ist, mußten auf Gewinnmitnahmen hin um einige Punkte zurückstecken.

Der Schwerpunkt des Geschäfts ist jetzt eindeutig von den chemischen Werten zu den Montanen gewandert, wo die Montan-Nachfolger-Aktien bevorzugt wurden, deren größter Teil vorerst nur „per Erscheinen“ gehandelt wird. Die Börse hat hierfür den Ausdruck „Dschungel-Werte“ geprägt, weil dieses Marktgebiet noch recht unübersichtlich ist. Vor allem bei der Kundschaft wird es einige Zeit dauern, bis sie sich von der großen Zahl der Nachfolgegesellschaften den rechten Begriff machen kann. Da viele Unternehmen bereits dividendenreif sind, blieb der Montanmarkt auch an den schwachen Tagen behauptet. Gesucht wurden in erster Linie Klöckner-Nachfolger, von den alten Aktien kamen Ver. Stahl zu einigen Gewinnen. Die Nachfrage nach Mannesmann spitzte sich um die Wochenwende zu, so daß der Kurs von 101 auf 106 v. H. heraufgesetzt werden mußte. Besonderes Interesse verdient der aufgesplitterte Montanmarkt, weil Arrondierungskäufe der Großaktionäre ihm ein besonderes Gepräge verleihen werden.

Bei dem großen Spekulationspapier des IG-Farben-Marktes, den Liquidationsanteilscheinen, herrschte so etwas wie Kater Stimmung. nachdem in Berlin nichts auf eine Erfüllung der Wiedervereinigungshoffnungen hindeutet. Immerhin hielten sich die Rückschläge auf 33 7/8 v. H. noch in einem tragbaren Rahmen. Die Verluste bei den IG-Farben-Aktien und den Nachfolgegesellschaften waren teilweise sogar noch größer. Am Bankenmarkt gab es dagegen nur Sonnenschein Die auf 8 1/2 v. H. erhöhte Dividende der Hamburger Vereinsbank wird als die Standarddividende der „guten“ Bankwerte für 1953 angesehen. Der Kurs der Vereinsbank-Aktien stieg (in DM umgerechnet) auf 140 v. H. und liegt jetzt mit an der Spitze aller westdeutschen Bankinstitute. Ebenfalls infolge Dividendenhoffnungen stiegen die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank von 106 auf 115 v. H. und die Berliner Handels-Gesellschaft von 120 auf 128 v. H. Die beiden Sorgenkinder des Bankenmarktes, die Reichsbankanteile und die Aktien der Dt. Golddiskontbank, büßten 4 bzw. 3 3/4 Punkte ein.

Bei den Versorgungspapieren war die Tendenz uneinheitlich. RWE, bei denen eine Heraufsetzung der Dividende von 5 auf 7 v. H. erwartet wird, konnten sich behaupten, im Gegensatz zu den HEW-Aktien, die von 88 1/2 auf 86 3/4 ermäßigt wurden. Elektr. Licht- und Kraft verbesserten von 80 auf 85 v. H. Die Elektropapiere AEG und Siemens litten unter Abgaben, die auf Grund der im Bundeskabinett erwogenen Einführung der Exportsteuer vorgenommen wurden. Eine solche Steuer müßte gerade bei den exportintensiven Industrien zu einer empfindlichen Beschneidung ihrer Produktion führen. Aus diesem Grunde hat sich der Bundeswirtschaftsminister auf einer Groß- und Außenhandelstagung in Hamburg eindeutig gegen diese Steuer ausgesprochen, die seine expansive Wirtschaftspolitik in Gefahr bringt. – Die übrigen auf dem Kurszettel ausgewiesenen Gewinne sind auf Dividendenerwartungen zurückzuführen. Aus markttechnischen Gründen kam es hier und dort zu geringfügigen Verlusten, die keineswegs als tragisch zu beurteilen sind.

Für die festverzinslichen Papiere ist das Gespräch um eine vielleicht doch noch notwendig werdende Diskontsenkung von Bedeutung. Geldmarktpapiere sind weiterhin begehrt, aber auch für 8 und 7 1/2v. H. verzinsliche Papiere besteht Interesse. In den Kreis der gesuchten Papiere wurden die Wandelanleihen einbezogen. RM-Hypothekenpfandbriefe blieben im Hintergrund, RM-Industrieobligationen sind wegen der nahen Rückzahlungstermine gefragt. Undurchsichtig gestaltete sich die Lage für die Reichsschatzanweisungen, die zwischen 4 und 4,2 v. H. umgingen. Während die SPD und FDP sich für eine generelle Aufwertung der Stücke ausgesprochen haben, möchte der Bundesfinanzminister einen „sozialen“ Weg gehen, der nur den Bedürftigen über den Lastenausgleich eine Entschädigung zukommen läßt. In der CDU ist die Ansicht noch geteilt.

Mit der Wertpapierbereinigung für die deutschen Auslands-Bonds ist auch der bisher verbotene Handel in den Dawes- und Young-Anleihen und den beiden Preußen-Anleihen an der New Yorker Börse in Gang gekommen. Ob und wann mit der Einrichtung eines innerdeutschen Marktes für die deutschen Auslandsanleihen zu rechnen ist, kann nicht übersehen werden. Dennoch ist es zu begrüßen, wenn jetzt die Commerz- und Disconto-Bank AG, Hamburg, den Interessenten eine Übersicht über die bisherigen und die nach dem Londoner Schuldenabkommen geltenden Anleihebedingungen in Form einer Broschüre zur Verfügung stellt. –ndt.