In einem Inserat im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels greift der Oldenburger Verlag Stalling die Frage eines sehr wohlwollenden Rezensenten des Buches Bilanz des zweiten Weltkrieges auf: „Hat der Stalling Verlag richtig gehandelt?“ daß er den Männern, die Hitlers Krieg führten, das Wort erteilte, um uns, die „wir in dem Kessel, unter dem sie das Feuer mitschürten, zerkocht wurden“, zu erklären, warum und wieso alles Unglück über uns kommen mußte? Der Kritiker kommt zu dem Ergebnis, daß die Aussagen dieser Männer höchst bedeutsam sind und die Herausgabe dieses Buches also richtig war ...

Rund zwei Dutzend Meister des Konditionalsatzes geben sich hier ein Stelldichein, und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht und die vielen ‚Wenn“ und „Aber“, die häufigen „wäre“ und ‚hätte“ nicht übersieht, der kann dieses Buch nur besorgt aus der Hand legen. Das ist nämlich das Gefährliche an der „Bilanz“, daß ein flüchtiger Leser allzu leicht den Eindruck gewinnen kann, der Krieg Hitlers „hätte“ doch noch einen anderen Ausgang für uns nehmen können, wenn...

War es also wirklich „richtig gehandelt“, uns auf 472 Seiten klarzumachen, daß wir eigentlich auf fast allen lebens- und kriegswichtigen Gebieten ungenügend vorbereitet in diesen Krieg gingen?

Alle Autoren, die an diesem Buche mitgearbeitet haben, mögen sie nun Generale, Admirale, Minister, Amtsleiter, Professoren, Rechtsanwälte, Schriftsteller oder Ingenieure gewesen sein, lassen die eine fundamentale Erkenntnis vermissen, daß auch dieser zweite Weltkrieg am Tage seines Beginns für Deutschland verloren war. Denn einen solchen Krieg in Europa zu lokalisieren, war unmöglich. Und was soll man zu diesen Sätzen sagen, die am Schlüsse eines Kapitels über den Menscheneinsatz in diesem Krieg stehen: „Theoretisch gab es in der letzten Kriegsphase“, schreibt der Generalmajor a. D. Weichmann, „noch waffenfähige Männer in genügender Zahl, mindestens die Million uk-Gesteilter. Sie hätten – zusammen genommen – ausgereicht, die Wehrmacht entscheidend zu verstärken, wenn es sich darum gehandelt hätte, den Karren im letzten Augenblick über den Berg zu schieben...“

Wir können uns auch nicht mit der Deutung der psychologischen Situation in den letzten Kriegsmonaten einverstanden erklären: „Zwischen Hoffen und Zweifel, zwischen Bangen und Glauben schwankte das deutsche Volk im Herbst 1944“ lesen wir und hören, daß die Mehrzahl des Volkes keinen anderen Ausweg als den Kampf sah und daß Nachrichten über die angeblichen Wunderwaffen einen Hoffnungsschimmer in der Öffentlichkeit hervorriefen. In jenen Tagen, bei den Weiterdenkenden wohl schon seit Stalingrad, aber gab es nur noch Bangen und Zweifel, Erbitterung und Haß gegen die eigenen Führer.

Das deutsche Volk hat so viel durchgemacht und so vieles geleistet, daß man es heute nicht zu glorifizieren braucht mit einer Haltung, die während des letzten Kriegsjahres zumindest nicht typisch war. Man hielt durch bis zum Ende.

Die „Bilanz des zweiten Weltkrieges“ hat auch gute Seiten; denn wir möchten hoffen, daß manche Erklärungen, wie etwa das Schlußkapitel des Buches, nicht nur ein Lippenbekenntnis darstellen. Dann braucht man nicht allzusehr besorgt über diese fragwürdige Folgerung zu sein, die Generaloberst a. D. Guderian am Ende seines Tatsachen- und Rechenschaftsberichtes zieht: „Zur Festigung der Manneszucht hielt Stalin die Belebung alter Traditionen und großer geschichtlicher Beispiele für notwendig. Man vermag nicht einzusehen, weshalb andere Mächte vielfach ihre ruhmreichen Traditionen über Bord werfen, um Phantomen unerprobter Ideen nachzujagen.“ – Geht das gegen alle, die heute den Soldaten vor dem Militaristen retten wollen?